Heute morgen schleiche ich mich ganz früh raus und stehe nach der gut hochgeheizten Wärme drinnen nun fröstelnd in der frischen Morgenluft auf der Straße. Schnell ziehe ich mir Mütze und Schal über und laufe wieder die direkt gegenüberliegende Treppe hoch zum Edinburgh Castle. Keine Menschenseele ist zu sehen. Wie schon in meinem behaglichen Hostel schlafen auch die meisten anderen Menschen in Edinburgh noch tief und fest.

Die Royal Mile hinunter und dann links über die North Bridge habe ich mein Ziel schnell erreicht: Den Treffpunkt zu einer organisierten Tour in die Highlands von Schottland! Ich bin etwas aufgeregt. Genausowenig, wie ich, seit ich Kindern habe, je ohne sie verreist bin, habe ich auch noch niemals zuvor an einer Gruppenreise teilgenommen. Ob da noch andere Solo-Traveller sind oder ob das merkwürdig wird?!

Introducing: Ich, Newbie.

Wie sich herausstellt, sind meine Bedenken völlig unbegründet – es gibt noch ein paar andere Solo-Traveller an Bord und das ist, wie ich später erfahre, auch üblich so. Aha, wir sind also viele! Interessant.

Direkt am Anfang gefällt mir mein Touranbieter „Rabbie’s“ schon total gut: Sie bieten nämlich ihrer wartenden Kundschaft praktischerweise direkt ein eigenes Café gleichen Namens am Treffpunkt an, wo wir auf den Beginn unserer Touren warten können – das ist richtig toll!

Ich melde mich fix beim Servicestand für meine Tour als anwesend an, decke mich dann drinnen mit einem köstlichen, noch warmen, belegten Bagel und hervorragendem Kaffee ein und warte dann kauend entspannt darauf, dass es losgeht.

Links: mein Weg die Treppe hoch zur Royal Mile und rechts: Ankunft am Rabbie's Cafe zu Bagels und Kaffee, yeah!

Links: mein Weg die Treppe hoch zur Royal Mile und rechts: Ankunft am Rabbie’s Cafe zu Bagels und Kaffee, yeah!

Ich hatte von ‚Rabbie’s‚ vorher noch nicht gehört und bin bei der Recherche dank der vielen, außergewöhnlich guten Bewertungen nur zufällig auf diesen Anbieter gestossen. Ganz so klein sind sie aber gar nicht: Schlag auf Schlag startet hier im Viertelstunden-Takt die Mini-Vans mit ganz unterschiedlichen Zielen.

Zu „meinem“ Zeitpunkt stehen gleich drei Busse auf einmal parat, und obwohl ich eigentlich ganz sicher gut aufgepasst habe, lande ich tatsächlich zuerst im falschen Bus – peinlich, peinlich.

Die erfahrenen Tourguides merken aber schnell, dass nicht die richtige Anzahl Reisende auf die Busse verteilt ist, fischen mich routiniert heraus und so steige ich doch noch in meinen richtigen Bus ein. Da alle anderen ihre Plätze bereits eingenommen haben, setze ich mich auf den letzten, freien Platz: Ganz vorne, neben unserem Fahrer, quasi auf dem Beifahrersitz. Das stellt sich als großartig heraus, denn von hier habe ich freie Sicht vorne heraus – also hat sich die Blamage doch gelohnt!


FÜR ECHTE SCHOTTLAND-LIEBHABER…

…und solche, die es werden wollen:


Unser Bus eines großen deutschen Automobilherstellers ist mit superbequemen Ledersitzen und Air Condition ausgestattet. 16 Mitfahrer passen hinein, links einzelne Sitze, rechts jeweils zwei nebeneinander. Über unseren Köpfen gibt es Ablagefächer für Jacken und Rucksäcke (und Schals und Mützen und Handschuhe, denn es ist bitterkalt heute und sehr windig!).

Nach einer kurzen, netten Begrüßung durch Sean, unseren natürlich original schottischen Fahrer aka Guide in natürlich original schottischen Karo-Kilt-Hosen mit wunderbarem, natürlich original schottischem rollenden ‚R‘ bei der englischen Aussprache geht es los – für eine längere Vorstellung unserer Truppe bleibt auch während der Fahrt noch genug Zeit.

Erster Stopp: Die Kelpies

Souverän parkt Sean den Bus an einem beeindruckenden Kunstwerk, das vor einigen Jahren hier mitten im Nirgendwo an einer Landstraße installiert wurde: Zwei 300m hohe, metallene Figuren der typisch schottischen Sagentiere, der ‚Kelpies‘.

Die Kelpies - was für beeindruckende Skulpturen! Nachts sind sie sogar beleuchtet.

Die Kelpies – was für beeindruckende Skulpturen! Nachts sind sie sogar beleuchtet.

Im Wasser sind sie Seeungeheuer (‚Nessie‘ soll auch so eines sein eigentlich!), an Land verwandeln sie sich in betörend schöne, wilde Pferde, die aber dann leider Menschen in ihren Bann ziehen, sobald sie sie berühren. Männer werden einfach aufgefressen, Frauen mit unter Wasser genommen.

Auf Seans Frage, ob wir dann lieber Männer oder Frauen wären, wenn wir einem Kelpie begegnen, hat niemand so direkt eine Antwort und wir verfallen alle ins Grübeln, während unser schottischer Freund verschmitzt in sich hineingrinst.

"They look lively, don't they?!" sagt Sean. Ich kann nur nicken. Ja, recht hat er.

„They look lively, don’t they?!“ sagt Sean. Ich kann nur nicken. Ja, recht hat er.

Wir sind aber vorsichtig beim Bewundern dieser ausdrucksstarken, kraftstrotzenden Statuen, die wirklich wirken, als ob sie jeden Moment losstürmen könnten, und kehren alle wohlbehalten zum Bus zurück. Und oh mein Gott, ist das eise-eisekalt heute hier und windig! Ich habe so ziemlich alles angezogen, was ich dabei habe, und so geht es. Im Van ist es dann zum Glück wieder kuschelig warm, und Sean holt aus zu einer weiteren interessanten und äußerst unterhaltsamen Runde schottischer Geschichte.

Sean war nämlich mal Lehrer, bis er sich dort zu sehr gelangweilt hat, und so zeigt er nun lieber Reisenden wie uns sein wunderbares Schottland. Was für ein Glück für uns (und was ein Pech für die schottischen Schüler, auf jemanden, der Menschen mit seinen Erzählungen so in den Bann schlagen kann, verzichten zu müssen)!

Rollin', rollin', rollin'... immer weiter durch die schottische Landschaft.

Rollin‘, rollin‘, rollin’… immer weiter durch die schottische Landschaft.

Im Hintergrund sind immer Berge zu sehen - hier haben sich die Kontinentalplatten zusammengeschoben, Schottland bestand nämlich eigentlich mal aus vier einzelnen Inseln.

Im Hintergrund sind immer Berge zu sehen – hier haben sich die Kontinentalplatten zusammengeschoben, Schottland bestand nämlich eigentlich mal aus vier einzelnen Inseln.

Während wir da also in unserem komfortablen Mini-Bus durch die windige, mal sonnige, mal regenverhangene Landschaft brausen, lässt unser kundiger Fahrer vor unserem geistigen Auge Herzöge, Ritter und Königinnen durch Schottland, England und Frankreich ziehen, lässt politische Wirrungen, Ränkespiele, Tragödien und Verstrickungen aufleben, Burgen und Schlösser aufblühen und niederbrennen, und sogar Wikinger ihre wendigen Schiffe über Land von Loch zu Loch schleppen für einen Überraschungsangriff von hinten von einem Fluss aus!

Einfach total schön hier. Ich könnte ewig hier durchgefahren werden und dabei von schottischer Geschichte hören.

Einfach total schön hier. Ich könnte ewig hier durchgefahren werden und dabei von schottischer Geschichte hören.

Wohlgemerkt fragt er auch stets, ob wir noch können und überhaupt auch noch mehr und mehr schottische Erzählungen hören wollen – und ja, wir wollen!

Nächster Halt: Loch Lomond Nationalpark

Komplett und offiziell heißt die Gegend hier ‚Loch Lomond and the Trossachs National Park‚ bzw. auf gälisch, der Sprache Schottlands ‚Pàirc Nàiseanta Loch Laomainn is nan Tròisichean‚.

Da ist er, Loch Lomond: Hier noch in der Ferne von der Straße aus.

Da ist er, Loch Lomond: Hier noch in der Ferne von der Straße aus.

Die ‚Trossachs‚, das sind die dichten, ursprünglichen Wälder und kleineren Seen, und  ‚Loch Lomond‚ ist das größte Loch, also der größte See Schottlands und noch dazu wohl einer der schönsten.

Wie so viele erste Besucher in Schottland habe auch ich natürlich zuerst das berühmte ‚Loch Ness‚ im Visier gehabt und wollte zunächst dorthin. Allerdings stiess ich öfter auf die Empfehlung, dass sich Loch Lomond mehr lohne und Loch Ness einfach nur touristisch ausgeschlachtet sei – und, naja, man sieht Nessie ja eben nicht, sondern auch nur, genau, einen See.


MEHR SCHOTTLAND HIGHLIGHTS

So entschied ich mich für die ebenfalls vielversprechende Tour zu Loch Lomond. Nun habe ich natürlich keinen Vergleich, aber ich kann zumindest sagen, dass es hier in diesem Nationalpark schon wirklich sehr, sehr schön ist und ich meine Wahl nicht bereut habe! Übrigens handelt es sich sogar um den ältesten Nationalpark Schottlands.

Erst einmal heißt es für uns hier aber wieder: „Dick anziehen!“ und dann raus aus dem Bus und hoch auf den Berg.

Hier geht's hoch.

Hier geht’s hoch.

Und dann diese Aussicht, wow!

Da ist man schonmal sprachlos.

Da ist man schonmal sprachlos.

Das Wetter spielt bis jetzt leider nur mäßig mit, aber immerhin regnet es nicht wie angekündigt, also eigentlich alles gut. Und manchmal kommt sogar die Sonne durch:

Wundervoll, nicht? Und mit ein paar Sonnenstrahlen noch einmal schöner.

Wundervoll, nicht? Und mit ein paar Sonnenstrahlen noch einmal schöner.

Wir folgen Sean brav im Gänsemarsch den doch hin und wieder etwas rutschigen Hügel wieder hinunter und dann immer am Ufer lang hinterher.

Sogar eine malerische Brücke hat es hier. Schnell hinterher, nur nicht den Anschluss verpassen!

Sogar eine malerische Brücke hat es hier. Schnell hinterher, nur nicht den Anschluss verpassen!

So umrunden wir, immer wieder anhaltend, um die Aussicht zu genießen und diese unglaubliche Ruhe und Stimmung einzufangen, ein Stück des Loch Lomond, der mitunter auch schon mal ganz schön wilde Wellen macht.

Jetzt stehen wir direkt am Ufer des Loch Lomond.

Jetzt stehen wir direkt am Ufer des Loch Lomond.

Und rein zufälligerweise kommen wir an einem urtümlichen, heimeligen Restaurant heraus, wo wir dann einkehren können für ein Mittagessen – diese Idee findet, oh Wunder, prompt großen Anklang, denn nach der ganzen frischen Luft und der kleinen Wanderung haben wir jetzt alle Hunger!

Zeit für eine Pause! Weiter geht es für uns nach der Mittagspause mit dem zweiten Teil unserer Bustour: Auf zum Stirling Castle, der vielleicht schönsten Burg Schottlands, und dabei noch zu einer wahrhaft schottischen Überraschung auf dem Weg dorthin.

Lest in weiteren Artikeln, was es in Edinburgh alles zu unternehmen gibt, mit allen Tipps und Empfehlungen für einen ersten Start, warum Edinburgh das perfekte Ziel für Alleinreisende ist und wo ihr Edinburgh am besten von oben entdecken könnt: Auf ‚Arthur’s Seat‘ oder auf ‚Calton Hill‘?

Außerdem haben wir in einem Special zusammengefasst, wo ihr günstig und gut und noch dazu mitten in Edinburgh übernachten könnt, falls ihr noch nach einer Bleibe sucht.

Warst du schon einmal in Edinburgh oder planst du noch deine Reise? Bist du schon einmal alleine gereist und welche Stadt war dein erstes Ziel? Schreib mir gerne in die Kommentare unten, ich freue mich immer über Feedback. Und falls du noch Fragen haben solltest, ebenfalls immer gerne!


Rabbie’s

Webseite/Touren von Edinburgh aus: https://www.rabbies.com/en/scotland-tours/from-edinburgh

Webseite/Meine Tour nach Loch Lomond und Stirling Castle: https://www.rabbies.com/en/scotland-tours/from-edinburgh/day-tours/loch-lomond-national-park-stirling-castle-day-tour

Treffpunkt Edinburgh:
Rabbie’s Cafe Bar
Waterloo Place
Edinburgh, EH1 3EG

Tipp:
Rabbie’s bieten auch Touren von London, Glasgow, Dublin, Inverness, Aberdeen und Manchester aus an. Nach meinen Erfahrungen in Edinburgh würde ich das sofort und gerne auch in den anderen Städten mitmachen, wenn es mich einmal dorthin verschlägt, und möchte diese Touren auch jedem anderen Reisenden wärmstens ans Herz legen.


Die Kelpies

Visitor Centre The Helix
Falkirk/Grangemouth, FK2 7ZT

Öffnungszeiten: Täglich 9:30 – 17:00 Uhr


Loch Lomond & The Trossachs National Park

Loch Lomond & The Trossachs National Park Authority
Carrochan
Carrochan Road
Balloch, G83 8EG

Webseite: lochlomond-trossachs.org