Von meiner Idee eines Trips in die Hauptstadt sind die Mädchen anfangs so semi-begeistert. Böh, Politik?! Ihre Bedenken stellen sich allerdings glücklicherweise als unbegründet heraus, langweilig ist Berlin keinesfalls – auch nicht, oder vielleicht auch gerade besonders nicht, für Kinder und Teenager.

Die Top-Sehenswürdigkeit in Berlin, sowohl historisch als auch architektonisch als auch politisch, ist wohl unbestritten der ‚Reichstag‘ am ‚Platz der Republik‘, hinter dem direkt der größte und älteste Park der Bundeshauptstadt, der ‚Große Tiergarten‘, beginnt.

Das Reichstagsgebäude

Ende des 19. Jahrhunderts erbaut, tagten hier zunächst das Parlament des Kaiserreichs und, nach dessen Ende, das Parlament der Weimarer Republik.

Die zeitlich darauf folgenden Nationalsozialisten hielten dort – glücklicherweise – allerdings keine Sitzungen ab: Keine vier Wochen nach ihrer Machtergreifung ging der Reichstag komplett in Flammen auf.

Die Schuld schoben sie politischen Gegnern zu und nutzten die Situation aus, um unverzüglich Notgesetze zum angeblichen Schutz der Bevölkerung in Kraft zu setzen. Tatsächlich aber wurden damit Grundrechte abgeschafft und die Todesstrafe für Hochverrat rechtlich abgesichert, und bis heute munkelt man, die Nazis hätten genau mit dieser Absicht selber den Brand gelegt.

Nach der Wiedervereinigung wurde die Restaurierung des bis dahin jahrzehntelang nicht mehr politisch genutzten Gebäudes in die Hände des umtriebigen Architekten Norman Foster gelegt, der eine neue Glaskuppel und überhaupt die gesamte Ausgestaltung des Baus unter modernen Gesichtspunkten ersann.

Seit gut 10 Jahren dient der Reichstag nun wieder als Sitz des Deutschen Bundestages. Außerdem kann er auch besucht werden, und das sollte man nicht versäumen!

Wie am besten einen Besuch planen?

Das Wichtigste zuerst: Die Besichtigung ist kostenlos! Das ist schon einmal ein guter Anfang.

Man muss sich allerdings vorab online kurz anmelden, aus Sicherheitsgründen. Dabei muss man lediglich Name, Vorname und Geburtsdatum aller Besucher registrieren und eine Anfrage für die gewünschte Uhrzeit am gewünschten Tag im aktuellen oder im Folgemonat absenden. Erhält man daraufhin die Bestätigung des Besucherservice, gilt das als Eintrittskarte.

Auf diese Weise erfolgt auch eine Limitierung der Besucher, so dass es nie brechend voll ist, was ich gar nicht so schlecht finde.

Blick auf einen der vier Türme des Reichstags nach Passieren der Sicherheitskontrolle.

Blick auf einen der vier Türme des Reichstags nach Passieren der Sicherheitskontrolle.

Aber auch spontan Interessierte sind nicht chancenlos: Man kann sich vor Ort bei der Serviceaußenstelle des Besucherdienstes (neben dem Berlin-Pavillon an der südlichen Seite der Scheidemannstraße) nach freien Restkontingenten für denselben Tag – mit einem Vorlauf von zwei Stunden – oder für die beiden darauf folgenden Tage erkundigen. Dann braucht man nur noch etwas Glück!

Nach zügigem Passieren der obligatorischen Sicherheitskontrolle steht man dann schon davor und kann einen ersten Blick auf das schön wiederhergestellte Gebäude mit seinen vier Türmen, dem Säulenvorbau und natürlich der begehbaren Glaskuppel, dem Hauptziel aller Besucher, werfen.

Audioguide – ja oder nein?

Drinnen fährt man mit dem Aufzug hinauf auf’s Dach des Reichstags, wo der Weg hinauf in die Kuppel beginnt. Hier gilt es zunächst eine Entscheidung zu treffen: Möchte man den ebenfalls kostenlosen Audioguide nutzen? (Spoiler: Das solltet ihr unbedingt tun!)

Der ist ersten nicht besonders lang (20 überschaubare, informative und gut komprimierte Minuten in auswählbaren Häppchen), und zweitens nimmt er einen richtig gut an die Hand bei dem faszinierenden Weg der Spirale nach oben, so dass man an jeder Station auch weiß, was man da überhaupt sieht.

Immer im Kreis...

Immer im Kreis…

...geht es immer weiter nach oben.

…geht es immer weiter nach oben.

Für jüngeres Publikum gibt es übrigens einen eigenen Audioguide, der das doch gerne etwas trockene Thema Politik und Staatsgeschichte für Kinder vom Grundschulalter bis zum Teenager unerwartet prima rüberbringt. Bei unserem Besuch war das noch Bernd das Brot (muss man, glaube ich, nicht erklären…), was auf riesige Begeisterung stieß. Tatsächlich haben sich die Mädels mitunter schibbelig gelacht und hatten wirklich viel Spaß beim Rundgang.

Mittlerweile wurde das aber wohl durch die fiktiven Kinder Karl und Kiki samt Onkel Kurt ersetzt. Ob das ebenso grandios gemacht ist, weiß ich leider nicht, aber ich würde es wünschen.

Ein hochmodernes Gebäude in antiker Verpackung

Auf dem Dach gibt es eine Solaranlage, die Strom für dieses und sogar noch weitere, umliegende Bauten des Parlaments erzeugt: Andere Mechanismen sorgen für kluge, effiziente und verbrauchsarme Wärmegewinnung im Winter oder Kühlung im Sommer.

Die verspiegelte Säule in der Mitte des Reichstags.

Die verspiegelte Säule in der Mitte des Reichstags.

Die Säule in der Mitte der Kuppel ist außerdem mit einem Spiegelsystem versehen, dass das Tageslicht in den darunterlegenden Plenarsaal der Bundestagsabgeordneten weitergibt. So spart man eine Menge Energie für Beleuchtung ein.

Sollte es einmal zu viel Sonnenlicht geben, wird ein computergesteuertes, riesiges Sonnensegel aktiv, um blendendes Licht oder eine zu starke Aufheizung zu verhindern. Auch bei unserem Besuch bewegte es sich wie von Geisterhand immer an die jeweils benötige Position.

Ziemlich beeindruckend, da zuzuschauen!

Das riesige Sonnensegel manövriert sich langsam und leise...

Das riesige Sonnensegel manövriert sich langsam und leise…

... immer an die Position, an der es benötigt wird. Wrumm, wrumm!

… immer an die Position, an der es benötigt wird. Wrumm, wrumm!

Ganz oben angelangt

Oben angekommen sind wir überrascht: Das Dach hat ja ein Loch! Das stellen wir uns aber unpraktisch vor, schließlich regnet es in Berlin ja durchaus mal.

Aber: natürlich dient auch das einem weiteren ökologischen Ziel: Erstens entweicht durch diese Öffnung die verbrauchte Luft aus dem Gebäude (und dabei wird ihr auch noch Restwärme entzogen, die wiederum gespeichert wird), und zweitens wird das Regenwasser durch eine spezielle Vorrichtung aufgefangen und ebenfalls weiterverwendet.

Insgesamt liegt damit der CO²-Ausstoß des Reichstags trotz seines doch beachtlichen Alters sogar unter den Anforderungen für aktuelle Neubauten. Krass!

Alleine vom energetischen Standpunkt her gesehen ist der Bau um einiges interessanter, als wir vor unserem Besuch erwartet hatten.

Außerdem hat man von hier so ganz nebenbei auch einen fantastischen Ausblick über Berlin, so wie hier zum Beispiel über den unglaublich weitläufigen ‚Großen Tiergarten‘, der sich direkt anschließt und sich bei schönem Wetter hervorragend eignet, um sich dem Rundgang die Beine zu vertreten.

Wunderschöner Blick vom Reichstag auf den 'Großen Tiergarten', Berlins ältesten Park.

Wunderschöner Blick vom Reichstag auf den ‚Großen Tiergarten‘, Berlins ältesten Park.

Und dann war da ja noch… Das Parlament

Richtig, da war ja noch was:

Ganz unten, unter all den Besuchern und der ganzen optimierten Energie, sitzen die Abgeordneten des Bundestags und machen die Politik, die unser Leben in diesem Land bestimmt.

Man kann sogar von der untersten Ebene durch ein Glasdach hindurch nach unten in den Plenarsaal gucken. Wir besuchen den Reichstag allerdings an einem Wochenende, und da haben auch die Politiker frei. Heute herrscht hier also gähnende Leere. Trotzdem cool!

Hier kann man bis in den Plenarsaal schauen, wo der Bundestag tagt.

Hier kann man bis in den Plenarsaal schauen, wo der Bundestag tagt.

An der Bande entlang sind Informationen zur Geschichte Deutschlands angebracht, wie z.B. das Grundgesetz und viele weitere Erklärungen.

Das unterzeichnete Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland.

Das unterzeichnete Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland.

Besucht man den Reichstag unter der Woche, so kann man sich noch für einige weitere Spezial-Besichtigungen anmelden, wie z.B. an einer Führung durch den Deutschen Bundestag mit verschiedenen Schwerpunkten teilnehmen, eine Plenarsitzung besuchen oder einem Vortrag auf der Besuchertribüne des Plenarsaals lauschen (alles vorab online buchbar).

Auch für oder mit Kindern gibt es eigene Angebote: Neben Familienführungen gibt es auch reine „Kindertage“ mit extra kindgerechten Führungen, Seminare für Klassen verschiedener Altersstufen oder Planspiele für Jugendliche.

Nach nebenan zum Brandenburger Tor

Wenn man schon einmal am Reichstagsgebäude und damit am Platz der Republik ist, kann man auch gut direkt die paar Meter weiter bis zum Brandenburger Tor, dem Wahrzeichen Berlins, gehen.

Wir benötigen für diese eigentlich wirklich kurze Strecke allerdings etwas länger, da wir Seifenblasenkünstlern über den Weg laufen, aber glücklicherweise haben wir es jetzt nicht mehr eilig.

Seifenblasen faszinieren alle Altersstufen.

Seifenblasen faszinieren alle Altersstufen.

Irgendwann gehen wir doch noch weiter und stehen schließlich live und in Farbe davor: Das berühmte Brandenburger Tor mit der Quadriga on top.

Und das ist wirklich ganz schön schön, muss man sagen!

Das Brandenburger Tor ist das einzige erhaltene von ehemals 18 Stadttoren in Berlin.

Das Brandenburger Tor ist das einzige erhaltene von ehemals 18 Stadttoren in Berlin.

Die Quadriga, die Figur obenauf, die die Siegesgöttin auf ihrem Wagen gezogen von vier Pferden darstellt, hat eine aufregende Geschichte hinter sich:

1806 nahm sie Napoleon als Kriegsbeute nach seinem Sieg über die Preußen mit nach Paris.
1814 marschierten dann umgekehrt die Preußen in Paris ein und ließen sie wieder zurückbringen.
Im zweiten Weltkrieg wurde sie schließlich – bis auf einen Pferdekopf – zerstört, in den 50ern eine Replik angefertigt.

Ab 1961 führte die Berliner Mauer direkt am Brandenburger Tor entlang und machte ein Hindurchgehen damit unmöglich (außerdem lag es im Sperrgebiet von Ost-Berlin, wo sich sowieso niemand aufhalten durfte), bis es 1989 im Zuge der Wiedervereinigung wieder geöffnet wurde.


Das Reichstagsgebäude (oder kurz ‚Der Reichstag‘)

Deutscher Bundestag, Platz der Republik 1, 11011 Berlin

Online-Anmeldung für alle Angebote wie Besuch der Kuppel, Führungen, Vorträge im Plenarsaal oder Besuch einer Plenarsitzung unter visite.bundestag.de

Haltestelle „Bundestag“ mit der U55,
Haltestelle „Brandenburger Tor“ mit der U55 oder S1, S2, S25, S26
Haltestelle „Friedrichstraße“ mit der U6 oder S1, S2, S3, S5, S7
Haltestelle „Französische Straße“ mit der U6
Haltestelle „Potsdamer Platz“ mit der U2

Brandenburger Tor

Pariser Platz 5, 10117 Berlin

Haltestellen wie oben beim Reichstag.