… und was das Ganze dann mit einem macht. Bonus: Wenn sich das gleiche Kürzel außerdem auch noch auf dem Boarding Pass deiner minderjährigen Tochter wiederfindet.

SSSS – die Abkürzung steht für ‚Secondary Security Screening Selection‘. Es handelt sich um eine besondere Maßnahme zur Flugsicherheit US-amerikanischer Grenzbehörden, die Passagiere beim Einchecken aufgrund von bestimmten Kriterien auswählen, um sie dann einer besonders ausführlichen Sicherheitskontrolle inklusive sorgfältiger Durchsuchung des Handgepäcks zu unterziehen.

Unsere Geschichte…

… beginnt damit, dass ich die Mädchen und mich am Tag vor unserer Reise nicht wie gewohnt online einchecken kann. Ich erhalte eine Fehlermeldung: Web-Check-In leider nicht möglich.

Im Nachhinein frage ich mich, ob das bereits ein erstes Indiz war, dass wir Schwierigkeiten bekommen, aber es kann auch nur Zufall gewesen sein. Grundsätzlich ist es meines Wissens nach nämlich bei Eurowings, der Fluggesellschaft für unsere Reise in die USA, auch bei Flügen nach New York eigentlich erlaubt, vorab mobil einzuchecken.

Ich denke mir aber vorerst nichts weiter dabei, und so holen wir dann eben am Tag darauf am Check-In-Schalter des Düsseldorfer Flughafens unsere Bordkarten ab. Beim kurzen Blick darauf fällt mir dann direkt ein bislang unbekanntes Kürzel auf, das in dicken schwarzen Lettern auf meinem und einem weiteren Ticket der Kinder prangt: SSSS.

Mir schwant übles. Ich hatte mal etwas gelesen bzgl. kryptischer Stempel auf Boardkarten, aber ich erinnere mich nicht genau. Meine Befürchtung allerdings sollte sich bewahrheiten: Wir wurden von den amerikanischen Behörden, der Homeland Security, als „verdächtig“ eingestuft, als „nicht vertrauenswürdig“. Eins meiner Kinder und ich. Alles klar.

Der 'Union Jack', die amerikanische Flagge, passend zur Geschichte hier schwer zugänglich.

Der ‚Union Jack‘, die amerikanische Flagge, passend zur Geschichte hier schwer zugänglich.

Kurzes Googlen ergibt nur Horrorstorys: Von Leuten, die, gerade frisch gelandet, direkt zurückgeschickt werden ohne Angabe von Gründen und noch dazu auf eigene Kosten, und von anderen, denen stundenlang in den Räumen der Behörde immer die gleichen Fragen gestellt werden.

Break: Die Sicherheitskontrolle

Zunächst bleibt aber keine Zeit, darüber nachzudenken: Erstmal geht’s ab zur Sicherheitskontrolle. Bringen wir erst einmal kurz das hinter uns, dann sehe ich weiter, was es mit diesem blöden Kürzel auf sich hat.

Wir werfen geübt Schals und Jacken in die Wannen und gehen durch die Schleuse. Wir sind schon fast durch, da blinkt auf einmal alles auf und das Band wird gestoppt.

Ein ganzer Trupp bewaffneter Polizisten in schwarzen Spezialeinheitsklamotten eilt mit ernster Miene heran und positioniert sich um meinen Rucksack, Verdacht auf Sprengstoff. Ich komme mir vor wie in einem schlechten Film.

Ich werde von einer Beamtin herangewunken, vor der ich dann den Inhalt des Rucksacks aufzählen darf. Dicke Socken für uns drei für den Flug, Brötchen als Proviant, weil das eine Kind garantiert das Flugzeugessen nicht mag, Kuscheltiere… Skeptisch und mit höchster Alarmbereitschaft werde ich beäugt und mein Gepäck kritisch und vorsichtigst durchsucht.

Die Kinder schauen aus der Entfernung hinter der Absperrung ungläubig und wie vom Donner gerührt – und fragen zwischendurch zaghaft „Mamaaa?!“

Ich wiegele beschwichtigend ab, ist alles überhaupt kein Problem! Uff… nur wer beruhigt mich?

Nach einer halben Ewigkeit und tausend Fragen dürfen wir weiter, Fehlalarm. Die Sensoren wären halt höchst sensibel, eventuell hätte ich meinen Rucksack mal gewaschen (ähm, nö?) oder neben irgendeiner verdächtigen Substanz stehen gehabt (auch nö. Ähm, oder? Was weiß ich), besser einmal zu viel geprüft als einmal zuwenig… Ja, ja, ja, schon gut. Ich will nur weiter.

Erste Infos

Einer der Polizisten spricht mich beim Gehen mit immer noch undurchdringlicher Miene noch einmal an: “Sie haben da einen Vermerk auf der Bordkarte, wissen Sie, was das bedeutet?“ Ich seufze innerlich zutiefst und antworte mit einem vorsichtigen: “Nö?“

Er: „Sie werden noch eingehend befragt. Hier am Flughafen durch unsere Behörden und dann in den USA bei der Einreise noch einmal genauer, von der Homeland Security selbst. Diese Befragung ist absolut ernst zu nehmen. Sie haben sich verdächtig gemacht!“

Womit genau, kann er mir nicht sagen, das weiß nur die Homeland Security allein und die müssen sich vor niemandem rechtfertigen und nichts erklären.

Ich erfahre weiter, dass die Befragungen stets einzeln stattfinden, das heißt also auch mein Kind, das ebenfalls das ‚SSSS‘ auf seinem Boarding Pass hat, wird ganz alleine und ohne Erwachsenen befragt (Kunststück, es wäre auch außer mir ja kein weiterer Erwachsener verfügbar und ich bin selber dran) und mein anderes Kind muss währenddessen irgendwo bleiben und ganz alleine warten, so lange es halt dauert. Irgendwo auf JFK, einem der größten Flughäfen der Welt.

Das Spiel beginnt: Runde 1, Deutschland

Einen kurzen, irren Moment lang überlege ich, ob wir drei nicht einfach wieder nach Hause gehen. Aber eigentlich gibt es jetzt kein Zurück mehr, also folgen wir den Schildern durch das Terminal des Düsseldorfer Flughafens Richtung unseres Abflug-Gates.

In einem Flur müssen alle angehenden Passagiere des Flugs nach New York erst warten, und als es endlich weiter geht, werden wir natürlich prompt herausgewunken: Zeit für unsere erste extra Befragung.

Neugierige und kritische Blicke der anderen Passagiere aus unserer Schlange begleiten uns: Sicher haben die was ausgefressen! Wer wird denn sonst aus der Reihe geschleust? – Hach, wenn die wüssten, wie schnell unsere Vorstellung von Sicherheit und Rechtsempfinden auf den Kopf gestellt werden kann.

Beamte winken meine älteste Tochter und mich zu abgetrennten Kabinen durch, aber meine jüngste Tochter, die keinen Vermerk auf ihrem Ticket hat, steht ja auch noch da. Im Vorbeigehen frage ich eine Beamtin, was denn mit ihr passiert, woraufhin diese erst etwas überrascht ist, dass da ein einzelnes Kind übrig ist, die ihr dann aber nett und routiniert anbietet, einfach vorne bei ihr am Pult stehen zu bleiben, was dann Gottseidank sogar mit Begeisterung aufgenommen wird.

Wir anderen beiden verschwinden in den Kabinen. Ich versuche noch einen letzten Blick mit meiner Ältesten aufzunehmen, ob alles okay ist bei ihr, da ist sie auch schon hinter dem Vorhang verschwunden, und ich werde selber aufgefordert, mich zu beeilen. Jetzt muss sie alleine klarkommen.

Wir werden noch einmal abgetastet, beantworten noch einmal dieselben Fragen wie schon tausendmal, öffnen noch einmal unsere Rucksäcke, fertig. Okay, das ging ja eigentlich.

Draußen treffen wir das jüngste Kind wieder, alles gut, alles geschafft, halb so wild. Was für ein riesengroßer Mist, das alles. Es nutzt nichts, mehr können wir nicht machen. Also machen wir es uns im Wartebereich gemütlich, bis unser Flug aufgerufen wird.

Im Flieger

Mit Verspätung startet das Flugzeug. Die Kinder sind aufgeregt, sie giggeln und lachen und freuen sich über die Screens mit Filmauswahl in allen Rückenlehnen der Vordersitze.

Eigentlich sollte ich mit ihnen vor Vorfreude ausflippen. Meine Güte, unser erster gemeinsamer Langstreckenflug! Dass ich ihnen New York, diese unglaubliche Stadt, zeigen kann! Dass ich so ein riesiges Glück hatte, tatsächlich Aktionstickets zu einem unfassbaren Schnäppchenpreis zu bekommen und das auch noch in der Ferienzeit, an die wir ja gebunden sind, und in der man doch niemals günstig fliegen kann!

Stattdessen rutsche ich auf meinem Platz hin und her und kann die Anspannung kaum aushalten. Achteinhalb Stunden lang. Ein Gefühl, als ob man unausweichlich geradewegs auf sein Verderben zufliegt, ohne die geringste Chance, dem zu entkommen oder es abzuwenden. Und genau so ist es ja auch, festgeschnallt auf meinem Sitz, tausende Kilometer über dem Atlantik.

Über den Wolken...

Über den Wolken…

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, auf dem Flug etwas zu dösen, auszuruhen, für die grandiosen, aber sicher auch anstrengenden Tage, die vor den Kindern und mir liegen, damit wir die Zeit genießen können. Das ist hinfällig: Ich mache kein Auge zu und zermartere mir den Kopf.

Wo bringen die uns hin? Wie wird das ablaufen? Was ist, wenn die Kinder Angst bekommen? Und wenn sie weinen? Und ob das wirklich rechtens ist, dass die mein immerhin minderjähriges Kind ohne mich befragen können? Ob ich da protestieren sollte? Nur, wenn sollte ich fragen?

Als wir in New York landen, bin ich fix und fertig mit den Nerven.

Es geht weiter: Runde 2, USA

Mit wieder festem Boden unter den Füßen geht es einen neonbeleuchteten Gang entlang bis in eine Halle, wo eine sehr freundliche Beamtin alle Passagiere auf die Einreise-Schalter verteilt.

Dort stellt ein weiterer tiefenentspannter Beamter ein paar harmlose Fragen, vergibt Komplimente an die Kinder, scannt unsere Pässe, nimmt routinemäßig Fingerabdrücke, und dann dürfen wir weiter. Ich gucke mich nach den Homeland Security Beamten um, aber es sind noch keine zu sehen.

Ich weiß nicht, was wir sonst machen sollen, also holen wir erstmal die Koffer. Pfeile weisen den Weg zur Kofferausgabe.

Das Band rollt und rollt und rollt. Unser Koffer ist nicht dabei, neue kommen nicht mehr. Natürlich, was schiefgehen kann…

Etwas unschlüssig gucken wir uns um. Und da pfeift uns ein Beamter in Uniform aus einiger Entfernung an. Meint der uns? Ratlos warten wir ab. Ich bin müde und ziemlich gerädert. Der Beamte pfeift erneut und winkt uns energisch zu sich.

Wir setzen uns in Bewegung, und dann – sehen wir hinter der nächsten Säule ganz viele Koffer stehen. Er war so freundlich, einige schon vorab vom Band zu hieven, und grinst uns jetzt zufrieden an, da wir endlich verstanden haben, was er uns zeigen wollte.

Unser Koffer ist direkt vorne der erste. Erleichtert schnappen wir ihn uns und wandern, immer weiter den Pfeilen nach, den nächsten Gang entlang, der vor einer Tür endet.

Wir gehen hindurch, durchqueren die Flughafenhalle und sind dann draußen an der frischen Luft.

Welcome to the United States.

Ähm… und die Homeland Security? Unsere Vermerke auf den Bordkarten? Die Befragung?

Keine Ahnung. Nicht stattgefunden.

Wir stehen vor einer Reihe gelber Taxis in der amerikanischen Sonne, und ich schließe kurz die Augen. Die ganze Aufregung umsonst.

Yellow Cabs in New York.

Yellow Cabs in New York.


Mögliche Gründe für ‚SSSS‘ auf einem Flugticket

Auch wenn es für uns gut ausgegangen ist, bleibt ein riesengroßer Berg Verwunderung und Verunsicherung, wie um Himmels willen wir, die Mädchen und ich, auf den Radar der Behörden der USA gelangen konnten.

Folgende Gründe sollen die Chancen auf einen ‚SSSS‘-Vermerk erhöhen:

  • wenn man sein Ticket nicht selber kauft (z.B. Firmenreisen, Reiseveranstalter)
  • wenn man sein Ticket bar bezahlt
  • wenn man sein Ticket zu einem bestimmten Zeitpunkt kauft (welcher das ist, ist unbekannt)
  • wenn man abweichendes Essen bestellt
  • wenn man bestimmte Sitzplätze auswählt oder diese wechselt
  • wenn man schon einmal Probleme bei der Einreise hatte
  • wenn man schon einmal Probleme bei der Einreise gemacht hat (Vandalismus, etc.)
  • wenn man auf ein Liste verdächtiger Personen steht oder mit welchen in Verbindung gebracht wird
  • wenn man keinen Rückflug gebucht hat
  • wenn man einen Rückflug in ein anderes Land gebucht hat als das, aus dem man kommt

Letzten Endes aber sind die tatsächlichen Kriterien der Homeland Security unbekannt. Außerdem ist von Quoten pro Flugzeug die Rede, die erfüllt werden müssen – es kann also einfach Zufall sein. Oder besser gesagt, Pech.

Fazit

Tja, die United States, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Nach unserer Reise und unseren Erlebnissen kann ich nur sagen: Es ist ja wirklich so toll da! Und ich träume immer schon davon, eines Tages einmal mit den Mädchen an der Westküste herumzufahren, und ich möchte so gerne einmal die Nationalparks sehen.

Aber ist es das wert? Diesen Stress, die Unsicherheit, ob man im schlimmsten Fall alles umsonst bezahlt hat und zurückgeschickt wird, obwohl man sich nichts zuschulden hat kommen lassen? Will ich dieses Risiko noch einmal tragen?

Ehrlich, ich weiß es nicht.

In der nächsten Zeit brauche ich das zumindest erst einmal nicht mehr. Für eine baldige Wiederholung ist es für uns zum Glück auch einfach – ganz profan – zu teuer. Und es gibt vorher noch jede Menge anderer Flecken auf der Welt, die ich mir gerne anschauen möchte, und zwar welche, die einen willkommen heißen.

Was denkst du? In die USA reisen unter den jetzigen Bedingungen, ja oder nein? Oder hattest du auch schon einmal einen ‚SSSS‘-Vermerk auf deinem Ticket? Und wie ist es dir dann ergangen?

Schreib es mir gerne in die Kommentare, ich freue mich über deine Sichtweise und deine Geschichte!