Schon vor mehr als 100 Jahren erging in Kampen ein Erlass, der besagte, dass in diesem Dorf nur noch reetdachgedeckte Klinkerhäuser gebaut werden durften. Ziel war es damals schon, das wunderbare Bild des Dorfes zu erhalten, und das macht nun den Charme dieser Siedlung oberhalb Westerlands und Wennigstedts aus.

Wohin man auch blickt: bepflanzte Natursteinmauern und Heckenrosensträucher, geschwungene, zumeist weiß lackierte Toreinfahrten aus Holz, Strandkörbe im Garten, Fensterbänke mit den typischen Eisenstäbchen, die geöffnete Fenster auch bei Windböen auf Abstand halten und nicht zuschlagen lassen, ein traditionelles reetgedecktes Klinkerhaus neben dem anderen, und trotzdem jedes einzelne ganz eigen und grundverschieden.

Ich zeige meinen Kindern, in welchem Haus ich selber vor Jahrzehnten als Kind in den Ferien oft gewohnt habe. Ich erinnere mich noch, dass mir früher nach einem langen Tag am Strand der Weg von der Hauptstraße dorthin immer sehr weit vorkam, aber heute stelle ich überrascht fest, dass es tatsächlich schon direkt eins der ersten Gebäude ist, nachdem wir in den Wattweg einbiegen. Schon etwas merkwürdig, nun mit meinen eigenen Töchtern davor zu stehen.

Wir folgen der Straße weiter ostwärts Richtung Wattenmeer, denn ich will den Mädchen die ruhige Seite des Dorfes zeigen: die Braderuper Heide.

Auf dem Weg dorthin bewundern wir die Häuser Kampens, an denen wir vorbeigehen, eins idyllischer als das andere:

Auch die Bushaltehäuschen (unten rechts) sind natürlich reetdachgedeckt.

Auch die Bushaltehäuschen (unten rechts) sind natürlich reetdachgedeckt.

Kurz, bevor wir das Wattenmeer schon fast sehen können, biegen wir noch in eine Straße nach rechts ab. Unser Ziel ist die ‚Kupferkanne‘, Kampens berühmtes und eigenwilliges Café, das hier bereits seit den 50er Jahren betrieben wird.

Wobei, die Bezeichnung Café trifft es nicht ganz, obwohl hier durchaus völlig bodenständig, unspektakulär und unverändert seit immer schon ganz vorzüglicher, selbstgebackener Pflaumen- , Aprikosen- und Kirschkuchen mit einem ordentlichen Klecks Sahne, noch viele Sorten mehr sowie vormittags auch Frühstück serviert wird.

Die Geschichte beginnt am Ende des Zweiten Weltkriegs, als einem ehemaligen Soldaten ein übrig gebliebener Flakbunker als Quartier zugewiesen wird. Dieser Soldat ist aber eigentlich Bildhauer, und so beginnt er, sich den Bunker nach seinen eigenen Vorstellungen herzurichten und in ein gemütliches, eigensinniges Labyrinth aus verwinkelten Gängen, Nischen und Grotten zu verwandeln, Räume hinzuzufügen und Fenster aus Wänden durchzubrechen und schafft damit ein Unikat.

Weitere Künstler ziehen in die Gegend und gehen bald bei ihm ein und aus, und schließlich eröffnet er offiziell seine Räume als uriges Café: Die Kupferkanne, mitten im Nirgendwo, zwischen Kiefern, Heide und dem Wattenmeer. Jede Ecke, jeder Quadratzentimeter gepflastert mit origineller Deko.

Der Eingang zur "Kupferkanne". Man sieht ja gar nichts? Das liegt daran, dass das Café in einem ehemaligen Flakbunker untergebracht ist, der halb in den Boden eingelassen ist.

Der Eingang zur „Kupferkanne“. Man sieht ja gar nichts? Das liegt daran, dass das Café in einem ehemaligen Flakbunker untergebracht ist, der halb in den Boden eingelassen ist.

Immer, wenn ich von dieser Geschichte höre, denke ich mir, dass es wohl das ist, was Sylt so besonders macht: Es waren nicht die Promis, die zuerst hier waren, nicht die „bessere Gesellschaft“, keine VIPs – es waren die Künstler, die Lebenskünstler.

Eigenwillige Menschen mit außergewöhnlichen Ideen und dem Drang, Neues zu schaffen und auszuprobieren. Seien es die ersten Wellenreiter Deutschlands, die an der Buhne 16 aus ihren Rettungsbrettern Surfboards machen, ein Zahntechniker, der aus einer Bushaltestelle mit schlecht laufendem Kiosk tanzend auf dem Dach bei Mondscheinpartys die legendäre Bambus-Bar erschafft oder eben ein Bildhauer, der aus einem Flakbunker einen behaglichen Ort für alle, die zu ihm kommen wollten, kreiert. Und diesen Geist, diesen Ursprung, diese durch und durch entspannte Unaufgeregtheit, spürt man, wenn man genau hinhört, auf Sylt bis heute.

Wir überqueren den Parkplatz, auf dem eine auffällig hohe Dichte an hochglanzpolierten Porsche, BMWs und Minis und überhaupt Cabrios herrscht – auch das ist definitiv Sylt – und biegen links in einen der sandigen Wege der Braderuper Heide ein.

Da ist sie, die Braderuper Heidelandschaft, und im Hintergrund das Wattenmeer.

Da ist sie, die Braderuper Heidelandschaft, und im Hintergrund das Wattenmeer.

Ebenso wie bei den Dünen soll man auch in der Heide auf den Wegen bleiben, um die Umwelt zu schützen, denn auch das hier ist Naturschutzgebiet.

Holzplankenwege gibt es auch hier in der Heide.

Holzplankenwege gibt es auch hier in der Heide.

Innerhalb Minuten lässt man jede Zivilisation hinter sich und ist von völliger Ruhe umgeben. Scheinbar, denn tatsächlich bietet die Heide vielen bedrohten Tier- und Pflanzenarten, die mit Trockenheit und Wind gut umgehen können, ein einzigartiges Refugium.

Auf dem Festland sind Heidelandschaften selten geworden, daher sollte man sich einen Spaziergang nicht entgehen lassen, wenn man in der Nähe ist, und die ganz eigentümliche, ruhige Atmosphäre hier auf sich wirken lassen.


Anfahrt

Zum Watt: Ab Westerland mit der Linie 1 Richtung List. Hinter Wenningstedt in Kampen dann am besten an der Station „Kampen-Mitte“ aussteigen und z.B. den Wattweg bis ans Ende Richtung Wattenmeer gehen.

Zur Kupferkanne (Stapelhooger Wai 7, 25999 Kampen) den letzten Weg vor dem Wattenmeer rechts abbiegen, Webseite: kupferkanne-sylt.de.

Tipp

Im ‚Kamphuis‘ an der großen Kreuzung beim Tourismus-Service Kampen (Hauptstraße 12, 25999 Kampen) kann man sich kostenlos eine Stadtplan von Kampen abholen zur Orientierung.