Eine meiner Töchter ist skeptisch:
„Iiih, durch die Wattwürmer [die kleinen Häufchen aus Sand, die den Boden überziehen] laufe ich aber auf keinen Fall!“

Darauf die Schwester, überlegen erklärend: „Das sind doch keine Wattwürmer, das ist nur Wattwurmkacke!“

Kurze Pause, dann: „Iiiih, durch Wattwurmkacke laufe ich aber auf keinen Fall!“

Trotz oben geschilderter Bedenken entscheiden auch wir uns für das Abenteuer: Eine Wanderung durch das Wattenmeer! Der ungeschlagene Klassiker, egal, ob man mit oder ohne Kinder an der Nordseeküste unterwegs ist.

Zu Fuss unterwegs auf dem Meeresboden

Möglichkeiten dazu gibt es auf nahezu jeder nord- oder ostfriesischen Insel und entlang der gesamten Festlandküste, und auch auf Sylt gibt es sogar verschiedene Veranstalter und Angebote in vielen Dörfern. Wir haben die Qual der Wahl und entscheiden uns für die Wattführung der „Schutzstation Wattenmeer“ in Hörnum.

Mit dem Bus der Linie 2 fahren wir von Westerland über Rantum bis zur Haltestelle „Hörnum Nord“, wo sich alle Interessierte mit den Mitgliedern des Stationsteams treffen, Voranmeldung nicht nötig. Gruppen werden eingeteilt, und wir ziehen mit Annalisa los Richtung Wattenmeer auf der Ostseite der Insel.

Durch die Dünen zum Wattenmeer, vorne links geht bereits eine weitere Gruppe.

Durch die Dünen zum Wattenmeer, vorne links geht bereits eine weitere Gruppe.

Schon auf dem Hinweg erklärt sie uns einiges. Erst einmal die grundsätzlichen Dinge von den Gezeiten Ebbe und Flut, dass das Wattenmeer, beeinflusst durch den Stand des Mondes, zweimal am Tag trockenfällt und genauso zweimal am Tag wieder überflutet wird.

Anpassung an das Leben mit dem Wasser

Aus diesem Grund finden die Wattführungen auch stets zu unterschiedlichen Zeiten statt: Man kann ja nur dann auf trockenem Watt zu Fuss unterwegs sein, wenn es eben Ebbe ist. Und die Uhrzeit dafür ändert sich nun mal jeden Tag.

Also: Für die Planung frühzeitig beim Veranstalter nachschauen, um welche Uhrzeit an welchem konkreten Tag was geboten wird.

Typischer Strandhafer und bewachsene Dünen.

Typischer Strandhafer und bewachsene Dünen.

Annalisa erklärt uns auch, wie unterschiedlich die Pflanzen am Wegesrand sich mit der Situation, immer wieder überflutet zu werden, und noch dazu mit Salzwasser, arrangiert haben.

Eine Sorte, die „Queller“, kann man sogar essen. Schmecken, wenig überraschend eigentlich, salzig.

Niedrigwasser im Wattenmeer.

Niedrigwasser im Wattenmeer.

Dann geht es ein ganzes Stück durch Schlick, der Boden ist voller Algen, der Boden teils schwarz eingefärbt. Ich frage Annalisa, ob das normal so ist, Wattwanderungen habe ich irgendwie nur auf Sand in Erinnerung. Die Lösung: Es hängt natürlich einerseits vom Ort, andererseits aber vor allem auch von der Jahreszeit ab: Jetzt, im Hochsommer, bei dem konstanten Sonnenschein und den durchgängig hohen Temperaturen der letzten Wochen, haben auch die Algen Hochsaison.

Begeistert erzählt mir unsere Wattführerin, dass noch vor wenigen Wochen hier alles rot war wegen einer besonderen, anderen Algenart, die sogar im Abendlicht geleuchtet hat. Ähm… ich als offensichtlicher Naturbanause finde es gar nicht so schlimm, dass wir das verpasst haben. Ich glaube, da wäre ich nicht so gerne durchgelaufen… Aber Annalisa jedenfalls fand es super.

Und dann werden die Algen doch noch durch Sand, Wasser und Muscheln abgelöst. Ja, so habe ich mir das vorgestellt:

Plitsch-platsch, barfuss durch Wasser, Sand und Schlick.

Plitsch-platsch, barfuss durch Wasser, Sand und Schlick.

Ein sehr spezieller Lebensraum

Wir suchen und finden jede Menge Wattbewohner, und Annalisa erklärt uns geduldig, woran man erkennt, ob man einen weiblichen oder einen männlichen Krebs vor sich hat (ein Dreieck an der Unterseite), dass Schnecken ihr Haus verbarrikadieren und wochenlang von einem Tropfen Wasser leben können, und natürlich, als Highlight zum Schluß, wie Wattwürmer so leben und woher diese wurmförmigen Häufchen im Sand überall tatsächlich kommen.

Auch meine skeptische Tochter vom Anfang kann jetzt mit den unzähligen Sandgebilden in Wurmform leben, denn laut unserer Wattführerin handelt es sich dabei eigentlich um den reinsten, besten und saubersten Sand überhaupt, denn die Wattwürmer filtern alle Schadstoffe heraus.

Geschafft, verdiente Pause im Sand. Ganz schön anstrengend, so eine Wattwanderung!

Geschafft, verdiente Pause im Sand. Ganz schön anstrengend, so eine Wattwanderung!

Schließlich erreichen wir wieder den Strand, wo unsere Schuhe noch auf uns warten. Je nach Ort und nach Jahreszeit ist die Empfehlung hinsichtlich einer Wanderung barfuß, mit mehreren Socken übereinander oder direkt mit Gummistiefeln übrigens unterschiedlich, also unbedingt vorher beim jeweiligen Veranstalter erkundigen!

Nackte Füße, Socken oder Gummistiefel?

Es gibt Wattgegenden, in denen vom Laufen ohne Schutz an den Füßen dringend abgeraten wird, z.B. wegen scharfkantiger Austern oder Muschelschalen. Bei manchen Veranstaltern kann man sich dann auch Gummistiefel ausleihen, bei anderen wird empfohlen, mehrere Schichten Socken übereinander anzuziehen, oder auf Aquaschuhe zurückzugreifen.

Hier in Hörnum allerdings ist Laufen ohne Schuhe absolut unbedenklich und bei dem momentanen Sommerwetter sogar empfohlen, was auch mit einer der Gründe war, warum ich mich für diese Führung hier entschieden habe. Das wollte ich den Kindern unbedingt einmal zeigen.

Am Ende der Führung angelangt erinnert Annalisa noch freundlich an die Möglichkeit, etwas für die Organisation „Schutzstation Wattenmeer“ zu spenden, was wir auch gerne tun: Empfohlen sind 7€ für einen Erwachsenen und 4€ für Kinder bis 15 Jahre.

Für eine gute Sache

Ihre Führungen sind nämlich grundsätzlich kostenlos, da es ihnen darum geht, Menschen für den Naturraum Wattenmeer zu sensibilisieren, denn „nur was man kennt, schützt man auch“. Spenden wie oben genannt sind natürlich herzlich willkommen, und bei der Finanzierung so einer guten Sache helfen wir gerne mit.

Etwas entkräftet anscheinend. Wobei es natürlich auch einfach Spaß macht, sich, egal, wo man geht und steht, einfach fallen lassen zu können, weil ja überall weicher, warmer Sand ist.

Etwas entkräftet anscheinend. Wobei es natürlich auch einfach Spaß macht, sich, egal, wo man geht und steht, einfach fallen lassen zu können, weil ja überall weicher, warmer Sand ist.

Schließlich treten auch wir den Rückweg durch die Dünen an, selbstverständlich auf einem offiziellen Pfad. Dank der Erklärung bei unserer Wattführung wissen wir nun auch, warum es eigentlich verboten ist, einfach querfeldein durch die Dünen zu laufen.

Das No-Go auf Sylt

Dass es verboten ist, habe ich natürlich von Kindesbeinen an bei allen Aufenthalten auf Sylt eingetrichtert bekommen, aber warum das eigentlich so schlimm ist, wusste ich bisher nicht:

Es liegt am Strandhafer, dem Gras, mit dem die Dünen bepflanzt wurden, um sie vor Erosion zu schützen. Er ist superrobust gegen Wind und Wetter, und mit seinen mehrere Meter langen Wurzeln, die die gesamten Dünen senkrecht wie ein Netz durchziehen, hält er sie sozusagen gegen alle Widrigkeiten „zusammen“.

Allerdings: Tritt jemand auf eine Pflanze, geht sie unweigerlich kaputt. Ein Trampelpfad durch die Dünen hinterlässt also eine schmale hafer-freie Schneise. Bei einem Sturm ist das dann die Schwachstelle der Düne, hier kann Wasser und Wind ungehindert durchbrechen und so die ganze Düne, und alles, was dahinter ist an Häusern und sonstiger Bebauung, zerstören.

Also: Immer auf den Wegen bleiben!

Das klassische Dünenbild: Sand, Strandhafer und bewachsene Dünen.

Das klassische Dünenbild: Sand, Strandhafer und bewachsene Dünen.

Noch ein Tipp: Alles eine Frage der Kleidung

Wir haben unsere Wattwanderung im Hochsommer gemacht. An diesem Tag ist es für Sylter Verhältnisse wirklich ungewöhnlich heiss, Sonnenschutz in Form von Kappen, Sonnencreme und genug Getränken ist Pflicht, und ich ärgere mich, den schweren Rucksack mit Wechselkleidung für uns drei noch dazu mitzuschleppen.

Schließlich habe ich gelernt, stets auf das wechselhafte Wetter der Insel vorbereitet zu sein, aber an einem Tag wie heute scheint das nun wirklich völlig überflüssig.

Aber an einem Punkt mitten auf dem Watt wird es kalt. Richtig, richtig kalt, ganz plötzlich. Auf einmal heult der Wind in unseren Ohren, richtig unangenehm, und erst, als eins der Kinder freiwillig fragt, ob es seine Mütze haben kann, fällt mir der Rucksack auf meinem Rücken wieder ein.

Selten habe ich mich so über Mütze, Regenjacke gegen den Wind und Schal gefreut, und gut eingepackt macht die Fortsetzung der Wattwanderung dann auch wieder Spaß.

Daher kann ich den ewigen Tipp, auf der Insel in der Natur auf Wetterumschwung jederzeit vorbereitet zu sein, nur wieder bestätigt weitergeben: Das Gelingen eines Tages hängt eben doch auch von der richtigen Bekleidung ab, gerade und vor allem mit Kindern.

Nach dem ganzen nassen und trockenen Sand ist es fast merkwürdig, wieder auf asphaltierter Straße zurück zur Bushaltestelle zu laufen. Und wieder sind wir fast ganz alleine unterwegs, wunderbare Ruhe all um uns herum.

Nach dem ganzen nassen und trockenen Sand ist es fast merkwürdig, wieder auf asphaltierter Straße zurück zur Bushaltestelle zu laufen. Und wieder sind wir fast ganz alleine unterwegs, wunderbare Ruhe all um uns herum.

Zu guter Letzt: Fisch essen in Hörnum

Nach der Wattwanderung und so viel frischer Seeluft haben wir Hunger, und so fahren wir mit dem Bus weiter nach Hörnum rein und möchten auf keinen Fall „Fisch Matthiesen“ unerwähnt lassen:

Fisch Matthiesen in Hörnum.

Fisch Matthiesen in Hörnum.

Steigt man aus der Linie 2 an der Station „Hörnum Mitte“ aus, so findet man diesen netten Fischladen nach wenigen Metern in der Fussgängerzone auf der linken Seite.

Wir setzen uns an einen der Tische draußen, genießen unser Essen in der Sonne und den Schnack mit der tollen Bedienung.

Leckere Auswahl an fangfrischem Fisch und köstliche Zubereitung vor Ort mit wahnsinnig nettem Service.

Leckere Auswahl an fangfrischem Fisch und köstliche Zubereitung vor Ort mit wahnsinnig nettem Service.

Als Nachtisch holen die Kinder sich noch Süßes vom kleinen Bäcker gegenüber, alles hausgemacht. Die Mädels entscheiden sich für typisch friesische Spezialitäten: Mohnkuchen und „Krumme Jungs“.

Mmmh, köstlich! Den Weg hierher können wir also nur aus vollstem Herzen weiterempfehlen.

 


Anfahrt

Ab Westerland mit der Linie 2 Richtung Hörnum. Hinter Rantum dann in Hörnum „Hörnum-Nord“ (für den Treffpunkt der Wattwanderung), „Hörnum-Mitte“ (für Fisch bei Matthiesen und die Fussgängerzone) oder „Hörnum Hafen“ (Endstation, für den Hafen) aus- oder zusteigen.

Tickets

Wattwanderung bei „Schutzstation Wattenmeer“ ist grundsätzlich kostenlos, Spenden im Rahmen der Empfehlungen (7€/Erw., 4€/Kinder bis 15 Jahre) sind aber gerne gesehen.