Ich nehme es vorweg: Dieser Beitrag fällt unter die Kategorie ‚Desaster‘. Totales Desaster. Nicht nachmachen. Zumindest nicht so, wie wir es angegangen sind.

Doch von vorn:

Unser Ausflug nach Rantum beginnt ganz außerordentlich wunderbar mit der spontanen Entdeckung eines bezaubernden Cafés nahe beim Hafen, der ‚Kaffeerösterei Sylt‘, mit selbstproduzierten Kaffeespezialitäten, superfreundlichem Personal und hervorragendem Gebäck und Kuchen dazu.

Ein Stück Friesentorte oder doch lieber Windbeutelkuchen mit Sahne und Himbeeren?

Umso erstaunlicher, da die Gegend um den Rantumer Hafen, größtenteils Gewerbegebiet, auf uns einen ansonsten eher ein klitzekleinwenig trostlosen Eindruck hinterlassen hat. Aber das Café lohnt unbedingt den Weg hierher, wenn man in der Nähe ist.

Die gemütliche 'Kaffeerösterei Sylt' im Rantumer Hafen. Sehr empfehlenswert!

Die gemütliche ‚Kaffeerösterei Sylt‘ im Rantumer Hafen. Sehr empfehlenswert!

Gestärkt machen wir uns auf den Weg zu unserem eigentlichem Ziel: Dem Deich, der von Rantum aus nordöstlich durch das Meer führt, bis er wieder auf das Festland, den ‚Arm‘ von Sylt, auf dem Keitum und Morsum liegen, trifft. Auf der Karte von Sylt ist er deutlich erkennbar, er sieht aus wie ein Stück eines Rings, etwa in der Mitte der Insel.

Einmal über den Deich

Durch den Deich wird das Rantumbecken abgegrenzt, das heute ein Seevogelschutzgebiet mit über 180 Arten beherbergt.

Ich hatte gelesen, dass man das Rantumbecken wunderbar auf dem Fahrrad einmal komplett umrunden kann, also mit Start- und Endpunkt in Rantum, und dabei mit etwas Glück auch Vögel beobachten kann.

Bei unserer morgendlichen Überfahrt nach Sylt stellen die Mädels allerdings fest, dass sie heute keine Lust auf Radfahren haben. Zum Deich wollen sie aber schon, und so überlegen wir nach einem Blick auf die Karte, dass wir ja auch gemütlich zu Fuss gehen können, dann eben nicht die komplette Runde, sondern halt nur das Stück über den Deich, nur bis hoch wieder zum Festland. Gesagt, getan – los geht’s:

Wir starten unseren Weg über den Deich...

Wir starten unseren Weg über den Deich…

Auf dem Weg überholen uns immer wieder Leute auf Fahrrädern oder welche kommen uns entgegen. Leider viel zu spät fällt uns auf, dass gar keine anderen Fussgänger außer uns unterwegs sind. Und irgendwann, als wir schon viel zu weit zum Umkehren gegangen sind, realisiere ich, dass wir die Entfernung wohl völlig unterschätzt haben. Der Weg zieht sich wahnsinnig in die Länge.

Dabei sieht es die ganze Zeit gar nicht mehr so weit aus, bis zum Festland, bloss – wir kommen einfach nicht näher.

... und gehen weiter...

… und gehen weiter…

Hinzu kommt, dass es richtig heiß ist. Die Juli-Sonne brennt, was das Zeug hält, und hier ist ja auch nirgendwo Schatten. Wir sind natürlich mit Kopfbedeckungen, Sonnencreme und, wie immer, reichlich Wasser zum Trinken gut ausgerüstet, aber dieser lange Weg ist wirklich anstrengend und beginnt nach einer Weile doch an uns zu zehren.

Vögel sehen wir irgendwie auch keine, vermutlich ist denen auch zu heiß heute. Ist uns aber gerade auch fast ein bisschen egal, im Moment wollen wir nur noch ankommen.

... und immer weiter.

… und immer noch weiter.

Wir versuchen uns gegenseitig bei Laune zu halten und zum Durchhalten zu motivieren, und irgendwann haben wir das Festland erreicht: Nun wirklich und tatsächlich ganz nah. Gutes Timing, denn auf den letzten Metern trinken wir nun aufatmend unseren letzten, aufgesparten Wasservorrat leer, denn der ging ganz gut zur Neige auf der Strecke. Wir haben es ja nun geschafft – denken wir.

Aber oh, was ein Irrtum!

Ja, wir haben den Deich hinter uns gelassen, ja, wir stehen wieder auf dem Festland, aber: Hier ist nichts! Absolut nichts!

Etwas ratlos und mit großen Augen schauen wir uns um: Nur Wiesen, Felder und Schafe. Sonst nichts.

Ende.

Ende.

In der Ferne schräg rechts erkenne ich den Kirchturm von Keitum, da drüben ganz rechts die Häuser, das muss Morsum sein, und ganz links sehe ich die Hochhäuser von Westerland.

Aber es ist absolut unmöglich, dass wir dorthin gelangen, noch weiter zu Fuss diese Distanz noch überwinden können. Wir sind müde, kaputt und k.o. und es ist so furchtbar heiß. Und zu trinken haben wir ja auch nichts mehr, und die Kinder müssen nun endlich dringend aus der Sonne.

Ich schaue mich noch einmal um, gehe im Kopf kurz alle Optionen durch, aber wir haben uns ins Aus manövriert (am Rande bemerkt: egal, wohin wir schon gereist sind und was wir alles bereits erlebt haben – das erste Mal Scheitern passiert uns in Deutschland, auf dem platten Land).

Schachmatt.

Es wird Zeit, uns zurück in die Zivilisation zu bringen: Und so wähle ich den Taxiruf.

An dieser Stelle möchte ich ganz ausgesprochen das ‚Taxi Henke‘ loben und dieses Unternehmen jedem ans Herz legen, der jemals in Sylt ein Taxi benötigen sollte! Als ich dem Mitarbeiter am Telefon mein Anliegen schildere, uns bitte baldmöglichst irgendwo in der Walachei abzuholen („Wo wir sind? Hm, ich sehe nur Schafe…“), stellt er mir kurz zwei-drei Rückfragen, stellt dann befriedigt fest, dass er genau wisse, wo wir aufzufinden seien, überhaupt kein Problem, und ein Kollege sei bereits unterwegs.

Und tatsächlich: Wenige Minuten später hält ein Taxi vor uns an. Wir sind selten so froh gewesen, in ein Auto einsteigen zu können. Und das beste: Nachdem der Mitarbeiter vom Telefon unsere Geschichte, dass wir uns mit dem Deich verschätzt haben, wohl weitergegeben hat, hält uns der nette Taxifahrer als erstes eine große, eiskalte Flasche Wasser hin. Er hätte gehört, wir hätten nichts mehr zu trinken und er wäre eh gerade an der Tankstelle gewesen, als die Order kam. Da hatte er sich gedacht, er bringt mal was mit.

So unfassbar großartig! Wir freuen uns riesig, diesen Taxifahrer hat uns echt der Himmel geschickt.

Glücklich rauschen wir im Fahrtwind die Landstraße dahin, und wenig später werden wir nach einer äußerst unterhaltsamen Fahrt und etlichen lustigen Sprüchen von unserem Helden in Westerland am Bahnhof rausgelassen. Für heute wollen wir nur noch nach Hause und dort den Rest des Tages unsere Füße hochlegen.

Bis der Zug kommt, haben wir noch etwas Zeit rumzubringen, und das tun wir im schicken und gemütlichen Bahnhofscafé in Westerland. Von dort kann man genau sehen, wenn der Zug einläuft.

Wir kommen uns für einen Moment ganz merkwürdig deplatziert vor, von einer Sekunde auf die andere, wie teleportiert, von der Einsamkeit des Deichs und der flirrenden Hitze über dem staubigem Weg und endlosen Feldern und höchstens mal einem „Bööh!“ eines Schafes nun plötzlich wieder in klimatisierten Räumen, umgeben von geschäftigen Menschen mit schicken Koffern und Taschen, mit einem kalten Getränk in der Hand vor nett dekorierten Tischen zu stehen.

Und auch hier geraten wir wieder an einen wahnsinnig netten Kellner, der, obwohl wir nur ein paar Kleinigkeiten auf die Hand gekauft haben, uns trotzdem hinsetzen lässt, und dabei noch ständig nette Scherze mit uns macht. Und das, obwohl wir echt völlig verschwitzt sind, eingestaubt und dreckig und sicher auch nicht mehr so ganz gut riechen.

Die Nordfriesen, speziell die Sylter, haben unser Herz im Sturm erobert. Wir haben hier wirklich nur nette und ausgesprochen hilfsbereite Menschen getroffen.

Für immer einen Platz in unseren Erinnerungen: Der Deich von Rantum. Aus dem Flugzeug gesehen geht's eigentlich...

Für immer einen Platz in unseren Erinnerungen: Der Deich von Rantum. Aus dem Flugzeug gesehen geht’s eigentlich…

Als wir dann im Zug sitzen, können wir auch schon wieder über die Geschichte lachen. Wenn einer einer Reise tut, … ja, ja!


Anfahrt

Ab Westerland mit der Bus Linie 2 Richtung Hörnum, in Rantum aussteigen und zum Hafen laufen.

‚Kaffeerösterei Sylt‘: Hafenstraße 9, 25980 Sylt. Webseite: kaffeeroesterei-sylt.com.

‚Taxi Service Henke‘: 04651 6699, Webseite: taxi-sylt.de.

Tipp

Den Weg über den Deich zumindest im Hochsommer nicht zu Fuss angehen. Ansonsten ist ein Fernglas empfehlenswert, um die Vögel, die wir zwar nicht gesehen haben, die aber dort irgendwo sein müssen, gut beobachten zu können.