Aus der Not eine Tugend machen: Das dachten sich vor gut 700 Jahren die Mitglieder der Zunft der Glasbläser, die samt ihrer feuergewaltigen Glasöfen im Jahre 1295 endgültig und für alle Zeiten aus Venedig vertrieben wurden: Zu gefährlich und unfallgefährdet war die permanente Arbeit mit Feuer in einer Stadt, deren komplette Basis auf Holzpfählen beruht.

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Und so siedelten die Glasbläser auf die nahe gelegene Insel Murano um, um weiter ihrer Arbeit nachzugehen. Bei Todesstrafe war ihnen außerdem verboten, ihre Kenntnisse in der Glaskunst an Fremde weiterzugeben, und die Republik Venedig schränkte sogar ihre Reiseermächtigungen ein, damit das Geheimnis gewahrt – und der Reichtum in der Lagune – bliebe.

So auf einen Punkt komprimiert perfektionierten sie ihre Fertigkeiten immer weiter, bis Murano zu einer wahren Hochburg ihres Handwerks wurde: Sie waren die ersten und für lange Zeit die einzigen in ganz Europa, die durchsichtiges Glas herstellen konnten.

Wie kommt man hin nach Murano?

Am Morgen unseres zweiten Tages in Venedig stiefeln wir also nach dem Frühstück in unserem Hostel auf dem Festland die Straße hinunter zur nur wenige Meter entfernten Bahnstation in Mestre.

Von dort wollen wir wie schon am Tag zuvor mit dem Zug die paar Minuten nach Venedig übersetzen bis zum Bahnhof Santa Lucia, von wo aus die Vaporetti der Linie 4.1 nach Murano ablegen.

Soweit der Plan. Allerdings gibt es da eine Sache, die man über italienischen öffentlichen Nahverkehr wissen sollte…

‚S c i o p e r o‘ – heißt Streik

Das ist ein italienisches Wort, dass ich vor unserer Reise mit dem Zug durch Italien noch nicht in meinem Wortschatz hatte, aber sicherlich nie mehr vergessen werde, denn dieses Schild prangt nun am Schalter des Tickethäuschens am Bahnhof in Mestre:

Und ja, nichts geht mehr. Kein Zug, kein Bus, kein gar nichts.

Hm, das ist jetzt irgendwie doof.

Wir wollen doch nach Venedig! Und heute von dort nach Murano! Und weiter nach Burano! Und vor allem den ganzen Tag Vaporetto fahren! Was machen wir denn jetzt ohne öffentliche Verkehrsmittel?!

Ein Hoffnungsschimmer

Wir geben aber noch nicht auf, und fragen freundlich am Schalter nach weiteren Infos, und tatsächlich:

– Doch, doch, es würde sicher doch noch der ein oder andere Bus fahren.
Wann denn?
– Das kann keiner sagen!
Und welche Linien? Und ab welcher Haltestelle?
– Das weiß niemand! (Stoisches Seufzen der Ticketverkäuferin)

Nun gut, das heißt zumindest, wir haben doch noch eine Chance! Wir beschließen, einfach mal zur nächsten Bushaltestelle zu gehen und zu gucken, was passiert. Und wie so oft, wir können es kaum glauben, haben wir einfach Glück: In dem Moment, als wir ankommen, naht tatsächlich ein Bus, wir quetschen uns gemeinsam mit gefühlt halb Italien rein und klettern erleichtert wenige Minuten später auf dem Busbahnhof in Santa Lucia auf der Lagunenstadt wieder raus.

Okay, haben wir den auch mal gesehen, und hurra, wir sind immerhin doch schon bis Venedig gekommen. Wie nun weiter?

Kein einziger Mensch weit und breit, selbst hier an der 'Piazzale Roma', einer der Hauptstationen der Vaporetti im Viertel 'Santa Croce', neben dem Busbahnhof, tut sich absolut nichts - heute ist Streik!

Kein einziger Mensch weit und breit, selbst hier an der ‚Piazzale Roma‘, einer der Hauptstationen der Vaporetti im Viertel ‚Santa Croce‘, neben dem Busbahnhof, tut sich absolut nichts – heute ist Streik!

Gähnende Leere an allen sonst so wuseligen Anlegern der Wasserbusse. Vereinzelt irren ein paar verloren wirkende andere Touristen durch die Gegend.

Heute ist Venedig sogar auf den großen Straßen angenehm ruhig und im Vergleich zu sonst geradezu leergefegt.

Wir beschließen, die Zeit zu nutzen und das Beste daraus zu machen, und schon einmal zu Fuss quer durch das angrenzende Viertel ‚Cannaregio‘ bis zur Haltestelle ‚Fondamenta Nuove‘ zu laufen (und das, obwohl wir heute doch gar nicht, also überhaupt nicht, zu Fuss gehen wollten! Also!)

Was für ein Glück: ein Wasserbus der Linie 4.1 ist dort angedockt. Wir fragen freundlich, ob er vielleicht schon sagen kann, wann er denn nach Murano fahren würde? Na, jetzt!

Die Mädchen und ich gucken uns etwas verwirrt an, einigen uns darauf, dass man halt auch nicht alles verstehen muss – und springen an Bord. Manchmal muss man es einfach nehmen, wie es kommt. Schon tuckern wir los, und bald sehen wir Venedig quasi nur noch im Rückspiegel:

Blick zurück auf Venedig, im Vaporetto Richtung Murano.

Blick zurück auf Venedig, im Vaporetto Richtung Murano.

Die Friedhofsinsel 'San Michele'. Hier werden die Toten von Venedig begraben.

Die Friedhofsinsel ‚San Michele‘. Hier werden die Toten von Venedig begraben.

Etwa eine Viertelstunde dauert die Fahrt, vorbei an einer weiteren Insel der Lagune, der Friedhofsinsel ‚San Michele‘, dann erreichen wir trotz aller Hindernisse doch noch die Insel der Glasbläser.

Auf Murano

Wieder Pfähle im Wasser, wieder Häuser bis direkt dicht dran, aber diese sind lange nicht so prachtvoll und haben nicht so viele Stockwerke wie die in Venedig. Hier ist alles einen Tacken zurückgenommener.

Ankunft in Murano.

Ankunft in Murano.

Wir gehen von Bord und schauen uns um. Natürlich reiht sich ein Glasverkaufsgeschäft an das nächste, überall schimmert es bunt und es glitzert an allen Ecken in mal mehr oder mal weniger geschmackvoller Umsetzung.

Die Verkäufer sind entweder völlig desinteressiert oder übertrieben verkaufsorientiert. Die Kinder jedenfalls sind begeistert und würden am liebsten alles mitnehmen. Wir schaffen es allerdings doch wieder hinaus, ohne etwas zu erwerben.

Zum einen kaufen wir auf unseren Reisen sowieso nur höchstselten Souvenirs, und zum anderen sind filigrane Glaskunstwerke nun denkbar ungeeignet als Mitbringsel auf einer Zugrundreise mit Kindern. Darüber hinaus soll ein nicht geringer Prozentsatz des hier angebotenen „Original Murano Glases“ als Billigimport aus China stammen und ich bin wirklich nicht versiert, das zu unterscheiden.

Aus sieben mach eins

Wir lassen die Einkaufsmeile also hinter uns und schlagen uns weiter auf der Insel um. Genaugenommen ist auch Murano keine „eine“ Insel, sondern es sind sieben, die mit elf Brücken verbunden sind.

Auch hier fährt kein Auto, kein Motorrad und kein Bus, aber es ist weitaus beschaulicher als Venedig. Es gibt total viel Platz, die Kinder springen herum und toben, hier ist es mal richtig ruhig, geradezu idyllisch.

Viel Platz hier in Murano.

Viel Platz hier in Murano.

Malerisch und verträumt. Erholsam, hier herumzulaufen.

Malerisch und verträumt. Erholsam, hier herumzulaufen.

Natürlich gibt es auch hier auf Murano Kanäle und viele Boote.

Natürlich gibt es auch hier auf Murano Kanäle und viele Boote.

Wir drehen eine große Runde und erreichen wieder den Rand der Insel, zufällig wieder nahe der Anlegestelle ‚Murano Colonna‘, an der wir angekommen sind.

Das Wasser der Lagune von Venedig, oder vielleicht ist es auch der Himmel hier, oder beides, hat so eine ganz eigene Färbung, so eine Art unergründlich-flaschengrün mit einem Hauch türkis. Dabei ist das Licht oft so schummrig, ohne dass es jetzt, zu der Zeit, als wir hier sind, tatsächlich neblig wäre. Dieses Farb- und Lichtzusammenspiel erinnert mich wohl für immer an diesen Teil Italiens.

Leben auf einer Insel?

Wir machen eine Pause hier am Kai, und fragen uns, ob wir auf so einer Insel leben wollen würden. Obwohl hier über 4.000 Menschen wohnen, ist es doch völlig abgeschieden, abgeschnitten vom Rest der Welt.

Man kommt halt nur mit dem Vaporetto, oder mit dem eigenen Boot natürlich, weg. Und bis man erst einmal auf dem Festland angekommen ist und weiter kann, dauert es. Welch ein Wahnsinn, dass die Glasbläser im Mittelalter hier einfach nicht wegdurften. Wie oft die wohl hier gestanden und auf die Lagune geschaut haben?

Blick vom Kai von Murano nach Venedig.

Blick vom Kai von Murano nach Venedig.

Hier, im Herzen der venezianischen Glasbläserei, kann man natürlich auch ganz wunderbar die Gelegenheit nutzen und den Künstlern bei der Arbeit über die Schulter schauen. Ich hatte vorher recherchiert, wo man das auch mit Kindern gut machen kann, aber eigentlich nur viele Schauergeschichten von reinen Verkaufsshows und penetranten Verkäufern gefunden.

Also habe ich beschossen, dass wir uns einfach vor Ort ein wenig umgucken und schauen, ob wir irgendwo eine Glasbläserei sehen, die einen netten Eindruck macht. Dass sie natürlich alle ihr Geld mit uns Touristen machen wollen ist klar und auch verständlich, aber Nepp, eventuellen Betrug und Aufdringlichkeit möchte ich, gerade mit den Mädchen im Schlepptau, unbedingt vermeiden.

Ein Blick hinter die Kulissen der Glasbläser

Und wir werden fündig: bei Guarnieri können wir für 3,00€/Erw., Kinder sind umsonst, bei einer Vorführung in der Glashütte zusehen. Wir durchschreiten das über und über mit bunten Glasrosen geschmückte Tor im Innenhof, nehmen auf den vorbereiteten Bänken Platz, und dann geht’s los.

Routiniert und professionell, aber sympathisch und mit dem ein oder anderen Witz gespickt erklärt ein Mitarbeiter auf italienisch und folgend auf englisch die Hintergründe der Glasbläserei und die einzelnen Schritte, die sein Kollege parallel ausführt.

Erst dauert es immer eine Zeitlang, bis das Glas bearbeitet werden kann, hier kommt etwas dazu, warten, anheizen, und dann dort noch eine Verzierung, wieder warten, wieder nachheizen, aber dann ist auf einmal eine komplette Vase oder ein anderes Gefäß kreiert. Toll!

Auch die Mädchen finden es sehr spannend und schauen gebannt zu.

Das Glas muss an langen Stangen im Ofen vorglühen, um die richtige Temperatur zu erreichen, damit man es formen kann.

Das Glas muss an langen Stangen im Ofen vorglühen, um die richtige Temperatur zu erreichen, damit man es formen kann.

Das Highlight kommt zum Schluß: Als letztes stellt der Künstler mit geübten Handgriffen im Nullkommanix ein sich aufbäumendes Pferdchen aus Glas her, wunderschön!

Ein Kunstwerk aus Glas

Und als es da so brav auf dem Arbeitstisch steht und man es am liebsten direkt einfach so einpacken und mitnehmen möchte, hält der Kollege ein Papier dran – was sich im selben Moment in Flammen und Rauch auflöst! So heiß ist das natürlich noch. Das unterschätzt man total.

Das Highlight, vor allem für die Kinder im Publikum: Ein Pferdchen aus Glas. Aber Vorsicht, heiß!

Das Highlight, vor allem für die Kinder im Publikum: Ein Pferdchen aus Glas. Aber Vorsicht, heiß!

Mit einer Menge neuer Eindrücke verlassen wir die Werkstatt, während der Chef um die Ecke auf einem kleinen, freistehenden Ofen gerade einen Berg Spaghetti in einen großen Topf mit kochendem Wasser wirft, für die Mannschaft. Was sonst. Hach, Italien!

Es gibt hier wohl auch noch – natürlich – einen Verkaufsraum, in dem man sich umschauen kann, aber wir entscheiden uns dagegen und werden auch nicht gedrängt. Nach allem, was ich vorher an Erfahrungsberichten im Netz gelesen hatte, haben wir da wohl ein gutes Bauchgefühl gehabt mit der Glasbläserei unserer Wahl.

Als wir über den Innenhof zum Ausgang gehen, um zur Haltestelle ‚Murano Colonna‘ zurückzugehen und mit der Linie 12 weiter nach Burano zu fahren, ergibt sich dieser Blick für uns:

Wow!

Wow!

Stellt euch mal vor, jedes Mal, wenn ihr von der Arbeit nach Hause geht, wäre das eure Aussicht! Zauberhaft.

Es ist wirklich besonders, hier, auf Murano.


Nach Murano:

Von ‚Piazzale Roma‘ kommend mit der 4.1 über ‚Fundamenta Nuove‘ als letzte Station auf Venedig bis nach ‚Colonna‘ als erste Station auf Murano, oder später bei ‚Faro‘ oder als letzte Möglichkeit bei ‚Navagero‘ aussteigen.


‚Guarnieri Vetreria Artistica‘, die Glashütte

Fondamenta Serenella, 11, Murano, nähe Anlegestelle ‚Colonna‘. Sonntags geschlossen. Für eine Vorführung 3,00€/Erw., Kinder kostenlos.