Die 50er und 60er Jahre: Mit dem Wirtschaftswunder machen sich die ersten deutschen Urlauber auf der Suche nach Sonne, Strand und Dolce Vita zu Schlagermusik mit dem Auto über die Alpen auf nach Bella Italia. Ein Ziel steht dabei wie kein weiteres für perfekten Urlaub: Der Gardasee.

Ich persönlich habe den Gardasee bei der ersten rudimentären Planung unseres Railtrips gar nicht auf dem Schirm, aber die Kinder haben – woher auch immer – den Namen aufgeschnappt und sind – warum auch immer – Feuer und Flamme.

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Ich prüfe kurz den Verlauf der Eisenbahnstrecke und tatsächlich: Zwei Orte ganz im Süden des Sees, ‚Desenzano del Garda‘ und ‚Peschiera del Garda‘, verfügen über Bahnhöfe. Den südlichen Teil hätte ich sowieso favorisiert, denn dort ist die Chance auf angenehmes Wetter im Oktober immer noch etwas höher als in den Orten hoch im Norden des langgestreckten Sees. Geritzt: Damit ist der Gardasee auf der Liste!

Da wir auf der Durchreise sind, entschließe ich mich, hier nach einem Hotel für uns zu suchen. Weniger Arbeit, dafür mehr Service und morgens keine Überlegungen, wo man das Frühstück herbekommt. Auch mal schön zur Abwechslung.

Natürlich ist der gesamte Gardasee gespickt mit Hotels, aber wir kommen in der Nebensaison, und viele haben dann einfach mal geschlossen. Noch dazu habe ich einen Wunsch: Für den Fall, dass wir uns hier zu Tode langweilen sollten (ernsthaft: eine der Vor-Reise-Hysterie geschuldete, völlig unbegründete Sorge, denn wir haben eigentlich niemals Langeweile), hätte ich gerne etwas Luxus: Nämlich einen Pool für die Mädels zur Beschäftigung. Und da wir Ende Oktober haben: Innen!

Das stellt sich als ungeahnte Schwierigkeit heraus, denn sämtliche Buchungsseiten lassen mich im Stich: Selbstverständlich kann ich nach ‚Pools‘ filtern, und einen Außenpool hat in der Gegend, die seit Jahrzehnten massentouristisch erschlossen ist, offensichtlich nun wirklich jede Scheune hier, aber ich will ja einen Innenpool wegen der dann auch schon am Gardasee herbstlichen Temperaturen – und dann aber wieder keinen klassischen Wellnesstempel mit einer besseren Pfütze, in der Kinder ohnehin nicht erlaubt sind. Die Möglichkeit, speziell nach so einem Innenpool zu filtern, finde ich aber nirgends, oder zumindest keine zuverlässige.

Schließlich bemühe ich den Urlaubsguru (der mich nicht bezahlt dafür, dass ich ihn immer wieder erwähne; ich mag die Seite einfach wirklich gerne) und stelle eine Anfrage in dessen Forum. Das habe ich noch nie gemacht. Jetzt bin ich gespannt, ob er etwas findet, was ich nicht gefunden habe! Und tatsächlich, schon einen Tag später bekomme ich drei Optionen gelistet: Alle in den beiden gewünschten Orten mit Zuganbindung, alle geöffnet im gewünschten Zeitraum, alle mit Innenpool, und innerhalb des genannten Budgets. Danke, Urlaubsguru! (Wie hat er die nur gefunden?!)

Ich suche mir das aus, welches am besten gelegen ist und uns am besten gefällt, und buche.

Und so erreichen wir an diesem Sonntagabend von Mailand kommend nach nur weniger als einer Stunde Fahrt den kleinen Bahnhof von Desenzano del Garda. Mit dem herbstlichen Wetter hatte ich schon einmal recht: Es schüttet spontan wie aus Kübeln!

Jetzt ist die geplant kurze Distanz zum Hotel auch egal, denn so kurz ist sie auch wieder nicht, dass wir nicht völlig durchnässt worden wären. Bis der nächste Bus kommt, dauert es leider ewig: Ein Sonntag in der Nebensaison eben. Und so gönnen wir uns ein Taxi für die kurze Strecke.

Kaum sind wir auf unserem Zimmer angekommen, fängt es richtig an zu gewittern. Wir machen es uns drinnen gemütlich, beobachten das Unwetter draußen und bewegen uns für diesen Tag nicht mehr viel.

Blick von unserem Balkon. Links: abends bei Unwetter, rechts: morgens bei Sonnenschein.

Blick von unserem Balkon. Links: abends bei Unwetter, rechts: morgens bei Sonnenschein.

Am nächsten Morgen ist das Gewitter vorbei, der Himmel strahlend blau und wir machen uns neugierig auf der Suche nach dem Frühstücksraum.

Unser Hotel ist ziemlich groß und hat einen leicht angestaubten Charme, und es ist einfach typisch italienisch, naja, sagen wir einmal, leicht kitschig: Überall Marmor, überall Gold und Pastelltöne. Die Mädchen lieben es! Außerdem ist es ziemlich leer, nur wenige Gäste sind mit uns zu dieser Zeit noch hier. Ideal für uns also nach den doch anstrengenden letzten Tagen in München und Mailand: wunderbare Ruhe! Und: Das Frühstück ist wirklich ganz ausgezeichnet, mit einer großen Auswahl, besonders für italienische Verhältnisse. Wir stürzen uns in Kaffee und Kakao, Brötchen, Eier und himmlische Cornettos und als besonderes Highlight gibt es sogar frisch gebackene Crêpes, mmmh!

Das große, stille Hotel lässt mich ein klitzekleinwenig erahnen, wie Stephen King wohl auf 'Shining' kam - aber keine Zwillinge und keine Axt in Sicht, nur wundervolle Ruhe.

Das große, stille Hotel lässt mich ein klitzekleinwenig erahnen, wie Stephen King wohl auf ‚Shining‘ kam – aber keine Zwillinge und keine Axt in Sicht, nur wundervolle Ruhe.

Nach dem Frühstück ist der Gardasee vor der Türe erst einmal egal, es gilt, den Pool zu besichtigen! Tatsächlich handelt es sich doch irgendwie ein wenig um einen kleinen Wellness-Tempel. Die allgemeine Beleuchtung ist schummrig, die Duschen heiss und das Wasser badewannenwarm, aber es geht als Schwimmbad durch und: wir haben es ganz für uns alleine.

Eigentlich sind Kinder hier doch nur zu bestimmten Zeiten zugelassen, erfahren wir an der Rezeption (ich sag‘ ja: Es ist doch ein Wellness-Tempel!), aber da sich außer uns sowieso sonst niemand der anderen wenigen Gäste überhaupt hier blicken lässt, interessiert das auch niemanden. Perfekt!

Als wir das Bad später verlassen, sind wir tiefenentspannt und fühlen uns, als wären wir Stunden in einer anderen Welt gewesen.

Nach dem Schwimmen müssen wir uns erst einmal, genau, ausruhen, die letzten beiden Tage fordern doch ihren Tribut. Und dann, es ist bereits Nachmittag, sind wir endlich soweit: Wir gehen ‚raus, den Gardasee erkunden.

Draußen hat es laut Temperaturanzeige 16 Grad – die müssen hier aber mal ganz anders messen in Italien als wir! Es ist super schön warm, die Sonne hat eben noch richtig Kraft.

Wir spazieren gemütlich durch den Sonnenschein immer weiter Richtung See. Der Weg dorthin dauert von unserem Hotel aus zu Fuss nur wenige Minuten, und geht beinahe direkt schon am Ufer entlang.

Die Gegend sieht hier ganz anders aus als Zuhause: Eine italienische Villa neben der anderen, und die Straßen gesäumt von Kiefern.

Die Gegend sieht hier ganz anders aus als Zuhause: Eine italienische Villa neben der anderen, und die Straßen gesäumt von Kiefern.

Im angenehm warmen Spätsommerlicht stromern wir die Straße entlang, die Mädels kicken mit den weltgrößten Kiefernzapfen, die wir je gesehen haben. Wir schauen staunend hoch in die hohen Kiefern: Diese riesigen Trümmer wollen wir lieber nicht auf den Kopf bekommen! Und dann liegt er vor uns: Der Gardasee.

Wunderschön!

Wunderschön!

Und es ist wirklich wunderschön hier! Total friedlich, super ruhig, keine Menschenseele außer uns. Jetzt verstehe ich, warum so viele Menschen vom Gardasee schwärmen.

Okay, ich bin mir sicher, im Sommer sieht das hier etwas anders aus bzgl. Entspannung und Stille, aber für jetzt und hier ist es einfach perfekt.

Blick gen Norden zur nächsten Ortschaft.

Blick gen Norden zur nächsten Ortschaft.

Blick nach rechts, zur Landzunge, auf der das Örtchen Sirmione liegt.

Blick nach rechts, zur Landzunge, auf der das Örtchen Sirmione liegt.

Sirmione noch einmal etwas näher.

Sirmione noch einmal etwas näher.

Der Gardasee, der ‚Lago di Garda‘, ist Italiens größter See und verdankt seine merkwürdige, langgezogene, zerklüftete Form der Tatsache, dass er in der letzten Eiszeit durch das Abschmelzen eines Gletschers entstanden ist.

Das Nordufer ist vor allem bei Kletterern, Mountainbikern und Surfern beliebt, am Südufer des Sees findet man große Freizeitparks wie z.B. das Gardaland. Aber auch das hat um diese Jahreszeit geschlossen. Kein Problem, uns reicht unser kleiner Quasi-Privat-Pool im Hotel.

Schon lange vor diesen touristisch vollerschlossenen Zeiten sind Menschen hierher an den ‚Benaco‘, wie der See ursprünglich einmal hieß, gekommen, um zu entspannen, die Ruhe, das Wetter und die Umgebung zu genießen und Kraft zu tanken, unter ihnen z.B. Heinrich und Thomas Mann, Franz Kafka, und natürlich einer der größten Italienfans: Johann Wolfgang von Goethe.

Eine einzelne Gans genießt wohl auch die Ruhe hier.

Eine einzelne Gans genießt wohl auch die Ruhe hier.

Am Kieselstrand des Lago di Garda.

Am Kieselstrand des Lago di Garda.

Wir bleiben eine ganze Weile hier, sitzen in der Sonne, bewundern Muscheln, die hier ganz anders aussehen als an der Nordsee (nämlich schwarz-weiß-geringelt) und finden sogar ein Schneckenhaus.

Wir versuchen, Steine übers Wasser hüpfen zu lassen (meine sind irgendwie kaputt und nur gut darin, rasend schnell unterzugehen. Blubb, weg.), und probieren tausendmal hintereinander aus, wessen Steine am weitesten fliegen.

Wir vertreiben uns die Zeit und machen gefühlt 50.000 Selfies, aber der Gardasee, so groß er auch ist, passt meistens nicht mehr mit drauf mit uns dreien. Besser klappt es bei Fotos mit nur zwei Menschen auf dem Motiv:

Geschwisterliebe.

Geschwisterliebe.

Entspannung pur.

Entspannung pur.

Der Blick auf den See und die Berge dahinter ist einfach grandios. Wir bleiben, bis die Sonne untergeht, und gucken und schauen, genießen die warmen Sonnenstrahlen im Langarmshirt, denken daran, dass es in Köln schon richtig Spätherbst ist und freuen uns, hier zu sein.

Wenn die Sonne dann einmal weg ist, wird es auch in Italien schnell kühl, und so ziehen wir unsere Sweatjacken an und machen uns auf den Weg „rein ins Städtchen“, nach Desenzano, denn wir haben Hunger!

Auf dem Weg dorthin beobachten wir noch einen der vielen Schwäne, die hier überall majestätisch herumschwimmen und auch an Land herumstolzieren. Dieser hier im See hat die Aufmerksamkeit eines Hundes am Strand auf sich gezogen, der den Seevogel wie verrückt anbellt und anspringt und wild herumhüpft.

Der Schwan reagiert völlig gelassen und ignoriert den Hund einfach, aber irgendwann wird es ihm zu bunt und er tut ganz kurz so, als ob er zum Angriff übergeht und stellt die Flügel auf – woraufhin der Hund völlig überrascht sofort kuscht und der Schwan wieder so tut, als ob nichts gewesen wäre. Tja, mit einem wütenden Schwan würde ich mich auch nicht anlegen wollen…

Weiter geht’s, nach Desenzano!


Webseite Hotel Oliveto: www.hoteloliveto.it

Webseite Urlaubsguru: urlaubsguru.de