Unser bislang größtes Abenteuer beginnt in München: Von hier aus bringt uns abends der Nightjet im Schlafwagenabteil durch Österreich nach Italien. Mit dem Nachtzug fahren – das hört sich an wie eine Mischung aus dem „Mord im Orient Express“ und der Anfangsszene aus „Dumbo“, in denen die Züge ihre Passagiere ebenfalls schlafend über Nacht an neue Ziele bringen.

Abfahrt in München, Hauptbahnhof.

Abfahrt in München, Hauptbahnhof.

Im Gegensatz zu früheren Zeiten gibt es heute nicht mehr viele Nachtzüge in Europa. Die Deutsche Bahn hat ihre Verbindungen vor einigen Jahren sämtlich eingestellt, und dass wir heute überhaupt unsere Reise im Nightjet-Waggon antreten können, haben wir der ÖBB, der österreichischen Bundesbahn, zu verdanken.

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Nachtzug fahren in Europa

Sie betreibt, teils gemeinsam mit Partner-Unternehmen anderer europäischer Länder, noch einige Strecken, von/durch/nach Österreich natürlich, Deutschland, Italien, Schweiz, Slowakei, Kroatien, Slowenien, Ungarn, Polen und Tschechien. Über den genauen Verlauf und die Zeiten kann man sich prima auf ihrer – sehr übersichtlichen, modernen und benutzerfreundlichen – Webseite informieren.

Es gibt Plätze in drei verschiedenen Kategorien mit unterschiedlichem Komfort zu buchen: Im Sitzwagen mit 6 Sitzen pro Abteil, im Liegewagen mit 4 oder 6 Liegen pro Abteil und inkl. kleinem Frühstück, oder im Schlafwagen mit 1, 2 oder 3 Liegen pro Abteil inkl. großem, flexibel zusammenstellbaren Frühstück. Bei letzterer Kategorie gibt es auch noch eine De-Luxe-Option, die dann sogar eigene Toilette und Dusche, in die Kabine integriert, beinhaltet.

Man kann seinen Platz in mit anderen Reisenden gemeinsam genutzten Abteilen buchen (günstige Variante) oder direkt komplette Abteile zur alleinigen Nutzung. Da wir genau drei Personen sind und ich mit den Kindern reisend schon gerne richtige Betten hätte, damit wir uns zum Schlafen hinlegen können, passt für uns ein Schlafwagen-Abteil mit drei Liegen, das wir dann auch für uns allein haben, perfekt.

In unserem Schlafwagenabteil

Als wir – völlig aufgeregt – einsteigen und die schwere, schmale Tür zu unserem Abteil das erste Mal öffnen, machen wir, ehrlich gesagt, doch große Augen: Das ist wirklich, wirklich wenig Platz.

Da sind unsere drei Sitze nebeneinander, und davor ein wenig Fussraum. An der Wand entlang bis zur Decke hoch die eingeklappten Betten. Das ist es.

Und so sieht das dann aus:

Ein Blick in unser Abteil: Ein gekipptes Fenster und noch hochgeklappte Betten. Direkt unten davor unsere Sitze.

Ein Blick in unser Abteil: Ein gekipptes Fenster und noch hochgeklappte Betten. Direkt unten davor unsere Sitze.

Das mittlere und das obere Bett unter der Decke, noch hochgeklappt. Rechts luken die Kopfkissen auf der Ablage über der Abteiltür hervor.

Das mittlere und das obere Bett unter der Decke, noch hochgeklappt. Rechts luken die Kopfkissen auf der Ablage über der Abteiltür hervor.

Als wir alle drei das Abteil betreten haben, also vor unseren Sitzen stehen, ist der Raum voll. Niemand kann sich mehr bewegen. Und unser Gepäck und die Jacken liegen bereits auf den Sitzflächen, denn zu unseren Füßen ist kein Platz mehr.

Oha! Also das ist ja eine lustige Sache hier!

Wir grinsen uns an, und um den nutzbaren Raum ein wenig zu optimieren, beschließe ich, die Betten, die momentan noch an die Wand geklappt sind, aufzuklappen. Dann können wir uns wenigstens ein wenig verteilen.

Die unterste Liege befindet sich direkt hinter den Rückenlehnen der Sitze, also, denke ich mir, muss ich die damit zusammen wohl runterklappen. An der Liege ist auch ein Hebel, aber egal, wie sehr wir ruckeln und zerren, er bewegt sich keinen Millimeter.

Wir grübeln und probieren alles Mögliche aus, aber wir kommen einfach nicht dahinter, wie dieses Scharnier funktionieren soll. Und in dem Moment ertönt eine Pfeife und der Zug setzt sich in Bewegung.

Moment, halt! Stop! Wir sind doch noch gar nicht fertig für unsere Fahrt mit dem Nachtzug! Ich ruckle noch einmal an dem Griff, aber keine Chance. Die Kinder meinen pragmatisch, dass wir ja auch im Sitzen nach Italien fahren können, und etwas panisch male ich mir genau das aus. So ein Mist aber auch! So hatte ich mir das irgendwie nicht vorgestellt…

Da steckt ein freundlicher Schaffner seinen Kopf zur sowieso noch offenen Tür hinein und fragt, ob alles recht sei. Ich erkläre ihm unsere Schwierigkeiten, und er fragt nur kurz nach, ob wir denn jetzt schon gerne die Liegen nutzen würden? Na, dann bereitet er das direkt vor, selbstverständlich. Das ist nämlich seine Aufgabe.

Ach so, oh. Wir können das gar nicht selber machen! Das wusste ich nicht. Okay, na dann!

Ich atme erleichtert auf, und im Nullkommanix hat der hilfsbereite Schaffner die drei Liegen mühelos runtergeklappt und fest arretiert. Alles bezogen, mit Laken, Kissen und Decke. Bitteschön, dankeschön, und noch einen schönen Abend!

Schnell ist klar, wer wo schlafen möchte, und dann wird probegelegen. Es ist schon alles sehr spannend! Zuhause hatten die beiden Mädels im gemeinsamen Kinderzimmer schon ein Etagenbett, aber zu dritt übereinander geschlafen haben wir auch noch nicht. Cool!

Als wir dann noch die Sicherheitsnetze finden, die verhindern, dass man während der Fahrt von seiner Liege kullert (gar keine schlechte Idee!), ist die Begeisterung komplett. Wir brauchen zwar noch eine ganze Weile, bis wir alles in unserem Abteil hinreichend erkundet und ausprobiert haben, aber als wir schließlich fest verzurrt und gemütlich eingekuschelt in unseren Betten liegen, dauert es trotz aller Aufregung dann überraschenderweise gar nicht so besonders lange, bis wir über dem gleichmäßigen Schuckeln und Stampfen der Räder des Zugs tief und fest einschlafen.

Probeliegen in den Betten, inklusive Sicherheitsnetzen, damit man nicht herausfallen kann.

Probeliegen in den Betten, inklusive Sicherheitsnetzen, damit man nicht herausfallen kann.

Am nächsten Tag werden wir alle drei einander berichten, dass jeder in der Nacht mal aufgewacht (und dann aber schnell wieder eingeschlafen) ist. Zu ungewöhnlich ist unser heutiger Schlafplatz, irgendwo in Europa – nein: irgendwo durch Europa! Wie unfassbar großartig ist das bitte!

Zuhause auf 2,5 m²

Jedes Detail unseres Abteils ist genau durchdacht, jeder Quadratzentimeter ausgenutzt: So gibt es Steckdosen, Licht und Netze zur Aufbewahrung an jeder Liege sowie eine einstellbare (und funktionstüchtige!) Lüftung für unseren Raum, außerdem Kleiderbügel, um seine Jacken aufzuhängen und aus dem Weg zu haben sowie sogar noch Stauraum für Gepäck und ähnliches ganz oben über der Tür. Die Leiter, um die oberen Betten zu erreichen, kann an jeder beliebigen Stelle angebracht und wieder entfernt und woanders abgestellt werden, und es gibt überall stabile Haltegriffe, falls man ohne Leiter kurz irgendwo langklettern möchte oder sich sonstwie einmal festhalten muss.

In einer Ecke neben dem Fenster ist ein Alkoven eingebaut, in dem sich ein kleines Waschbecken samt Spiegel verbirgt. Das reicht zum Zähneputzen und frischmachen, sehr praktisch!

Unser Abteil läßt sich von innen verriegeln, also in puncto Sicherheit auch kein Problem, und, was ich, gemeinsam mit den beiden Kindern reisend, besonders gut finde: Man kann es auch von außen abschließen, so dass ich z.B. den Gang hinunter auf Toilette gehen kann, während die Kinder schon schlafen, in der Gewissheit, dass niemand anderes das Abteil in der Zeit betreten kann.

An unserem Fenster ist ein Verdunkelungsrollo angebracht. Es wird auch empfohlen, dieses während der Fahrt zu schließen, da man ja in der Nacht an verschiedenen Bahnhöfen hält, und ansonsten Leute auf dem Bahnsteig einfach hineinschauen könnten. Auch grelles Licht bleibt so draußen.

Hinzu kommt, dass die Nachtfahrten der Züge nicht zwingend tatsächlich so lange dauern müssen, wie die im Plan angegebene Zeit. Heißt: Um überhaupt erst am Morgen und nicht mitten in der Nacht schon am Zielbahnhof anzukommen, werden die Nachtzüge bei kürzeren Strecken auch schon einmal für eine Zeitlang auf einem Nebengleis eines Bahnhof „geparkt“, quasi um die Nacht vollzukriegen. Auch da ist es mir lieber, zu wissen, dass die Welt draußen ausgeblendet ist, während ich schlafe.

Als ich einmal aufwache, siegt die Neugier selbst im Halbschlaf: Ich spinkse hinter dem Rollo vor nach draußen, und muss über beide Ohren grinsen, als ich in der Morgendämmerung im Vorbeifahren neben den anderen Büschen und Bäumen draußen auch Palmen sehe – wir haben es geschafft, wir sind wirklich einfach so im Schlaf, wie mit einem einzigen Fingerschnipsen, nach Italien gelangt.

Jalousie hoch, buon giorno, bella Italia!

Italien! Okay, im Morgengrauen, und im Vorbeifahren, und man erkennt nichts. Aber es ist Italien!

Italien! Okay, im Morgengrauen, und im Vorbeifahren, und man erkennt nichts. Aber es ist Italien!

Okay, bella Italia hat noch ein wenig Anlaufschwierigkeiten und zeigt sich eher von der diesigen und nebligen Seite, aber das macht nichts, wir sind ja auch noch müde.

Wir schlafen erstaunlich gut in unserer Mini-Kabine, und doch fühlen wir uns nach der Nacht auf Schienen ein klitzekleinwenig gerädert (haha, Wortspiel).

Wir versuchen uns in dem Chaos, das innerhalb von Sekundenbruchteilen, nachdem wir beginnen uns zu bewegen, in unserem Abteil herrscht, zurechtzumachen, was sich als eine kleine Herausforderung erweist, weil wir ständig etwas von A nach B räumen müssen, um an C zu gelangen. Wir fragen uns, wie andere Nightjet-Reisende das machen, die sich mit Fremden ein Abteil teilen? Vielleicht sind die aber auch einfach nur organisierter als wir.

Frühstück im Waggon

Unser wunderbarer Schaffner hat umsichtigerweise die Situation erkannt und berichtet uns, als er anklopft, dass er so frei war und unser Frühstück im direkten Nebenabteil, dessen Gäste bereits zu einem früheren Zeitpunkt an einem vorherigen Bahnhof ausgestiegen sind und das schon wieder blitzblank geputzt ist, zu servieren.

Uff, was für eine hervorragende Idee! Dieser Mann ist echt ein Segen.

Wir lassen also unser Chaos für den Moment hinter uns, schließen die Türe zu unserem Abteil und öffnen die daneben: Hurra, Frühstück! Und: Es ist wirklich ziemlich gut, vor allem, wenn man bedenkt, dass ja jeder Krümel bereits am Vorabend mit an Bord genommen werden musste.

Links Frühstück im Nachbarabteil, rechts Blick in unser Abteil.

Links Frühstück im Nachbarabteil, rechts Blick in unser Abteil.

Ebenfalls bereits am Vorabend hatte unser Schaffner uns Formulare ausgehändigt, auf denen wir unsere Wünsche für’s Frühstück vermerken konnten. Wie sonst nur im Krankenhaus kann man Brötchen, Heißgetränke, Aufschnitt und Aufstriche nach Wunsch auf einer langen Liste ankreuzen, und erhält so am nächsten Morgen ein maßgeschneidertes Frühstück.

Sowohl die Auswahl als auch die eigentliche Menge ist wirklich beachtlich, so dass wir noch unseren ganzen folgenden Tag Aufenthalt in Mailand auf geschmierte Brötchen der ÖBB zurückgreifen können. Super!

Als Standard erhält übrigens auch jeder Nightjet-Reisende zu Beginn der Fahrt eine Tüte mit nützlichen Kleinigkeiten: Eine kleine Flasche Wasser, etwas zu Knabbern, ein Handtuch, ein Prospekt mit Erklärungen zur Fahrt im Nightjet sowie den absoluten Oberknaller bei den Kindern: Weiße Hausschlappen mit eingraviertem Nightjet-Logo, in Einheitsgröße 45 oder so. Den Mädchen also ungefähr einen halben Kilometer zu groß, aber sie werden uns für den gesamten Rest unserer Reise durch Italien treu begleiten und tatsächlich noch gute Dienste erweisen.

Wir beenden unser Frühstück und verlassen das – leider trotz aller Vorsicht schon wieder total vollgekrümelte, tut uns wirklich sehr leid! – Nebenabteil, räumen gestärkt und um einiges wacher als vorher fix unsere Sachen in unserem eigenen Abteil zusammen und dann läuft der Nightjet auch schon brav am Zielort ein.

Angekommen: Der Hauptbahnhof in Mailand.

Angekommen: Der Hauptbahnhof in Mailand.

Eingeschlafen in Deutschland, träumend über die Alpen, aufgewacht in Italien.

Das war toll, was für ein Erlebnis!
Dabei geht die Reise jetzt erst richtig los: Bienvenuto a Milano, willkommen in Mailand!


Tickets

Webseite speziell zu den Nightjet-Zügen der österreichischen Bundesbahn ÖBB: www.nightjet.com