Alle Jahre wieder hat der Spätfrühling die beliebten langen Wochenenden um den 1. Mai, Christi Himmelfahrt, Pfingsten und Fronleichnam im Gepäck. Dank zahlreicher Feier- und Brückentage verlangen diese geradezu danach, die Zeit für längere Ausflüge mit ein paar Übernachtungen in die nähere bis fernere Umgebung zu nutzen.

Auch uns zieht es raus in die weite Welt, aber da wir erstaunlicherweise nicht die einzigen mit dieser grandiosen Idee sind, explodieren gleichzeitig auch die Flugpreise ins Unermessliche. Na gut, nachhaltig wäre das ja sowieso nicht, für ein paar Tage durch die Luft zu zischen, also ist das schon mal gestrichen.

Damit bleiben also Gleise oder Straßen übrig, nur wohin führen uns die in einem akzeptablen Zeitrahmen?

Im Westen Deutschlands wohnend ist ein Sprung über die Grenze zu den niederländischen Nachbarn naheliegend. Wenn man in dieser Gegend groß wird, ist „Komm, wir fahr’n nach Holland!“ in meiner Erinnerung auch der erste Satz, sobald jemand im Freundeskreis einen Führerschein samt fahrbarem Untersatz besitzt (inzwischen weiß ich auch, dass ‚Holland‘ nur eine von vielen Regionen des Landes ist, was an sich eigentlich ‚die Niederlande‘ heißt).

Und später, als Familie mit kleinen Kindern dann, ist die Küstenregion mit Sack und Pack im Auto ebenfalls immer schnell erreicht und ein beliebtes Ziel, um die Lütten eine Runde im Sand buddeln zu lassen. Bis zur deutschen Küste wäre der Weg von uns aus da wesentlich weiter.

Komm, wir fahr’n nach Amsterdam!

Wir haben aber dieses Mal anderes im Sinn: ein Städtetrip in die Hauptstadt soll es werden. Hier war ich, geboren und aufgewachsen im Bergischen Land, auch schon öfter, aber das ist nun bald 20 Jahre her. Zeit für ein Revival, nun gemeinsam mit meinen Kindern.

Deshalb stehen wir heute – als gefühlt einzige Menschen im ansonsten nahezu menschenleeren Köln – trotz Feiertag früh auf, fahren vom Kölner Hauptbahnhof mit dem Zug Richtung Westen (inklusive einmal Umsteigen in Utrecht, Direktverbindung gibt es merkwürdigerweise gar nicht) und erreichen so am frühen Mittag die wunderschöne ‚Centraal Station‘ in Amsterdam.

Die 'Centraal Station', das Gebäude des Hauptbahnhofs in Amsterdam, ist alleine schon sehenswert und gehört zu den schönsten Bahnstationen der Welt.

Die ‚Centraal Station‘, das Gebäude des Hauptbahnhofs in Amsterdam, ist alleine schon sehenswert und gehört zu den schönsten Bahnstationen der Welt.

Das Wetter meint es gut mit uns an diesem langen Wochenende, und strahlender Sonnenschein empfängt uns in der Stadt der Grachten. Mit leichtem Gepäck laufen wir so einfach direkt den Singel runter, durchqueren den Jordaan, das ehemalige Arbeiterviertel, und bewundern Grachten, Boote und die wunderschönen, superschmalen, fast allesamt leicht schiefen Häuser.

Schief sind sie deshalb, weil Amsterdam bekanntlicherweise auf Pfählen gebaut ist, die wohl nicht alle gleich guten Untergrund haben. Bis zu 18 Meter tief wurden sie im Mittelalter durch Moor, Sand und Schlick getrieben, bis sie festen Boden erreichten – eine beachtliche Leistung, um so mehr, wenn man damaliges Wissen und Technik berücksichtigt!

Es grenzt an ein Wunder, dass das alles überhaupt noch steht (da gibt es doch einige wesentlich jüngere und umkompliziertere Bauwerke, die nach wenigen Jahren schon schwächeln), und wunderschön anzusehen sind die darauf gebauten Gebäude natürlich vor allem auch.

So laufen wir, wie so oft in fremden Städten, gemütlich durch die Straßen und schauen uns in Ruhe um, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wo wir denn hier überhaupt gelandet sind.

Und wir staunen und staunen und staunen…

Wun-der-schön!

Wun-der-schön!

Die Straßenlaternen im Look alter Gaslampen geben den Brücken, Grachten und Giebelhäusern einen zusätzlichen, authentischen Touch.

Die Straßenlaternen im Look alter Gaslampen geben den Brücken, Grachten und Giebelhäusern einen zusätzlichen, authentischen Touch.

Ach ja, und natürlich: Fahrräder! Überall festgemacht, was nicht niet- und nagelfest ist.

Ach ja, und natürlich: Fahrräder! Überall festgemacht, was nicht niet- und nagelfest ist.

Hausboote gehören fest zum Straßenbild in Amsterdam.

Hausboote gehören fest zum Straßenbild in Amsterdam.

Wozu überhaupt Grachten?

Amsterdam war bis zum frühen Mittelalter größtenteils Sumpfland, auf dem höchstens ein paar Fischer siedelten, bis schließlich durch Drainagen und Gräben das Gebiet trockengelegt und so erschlossen wurde.

Schaut ihr euch eine Karte von Amsterdam an, kann man gut die dadurch entstandenen, etwa halbkreisförmigen Ringe, die Grachten, erkennen, die vom Zentrum ausgehen.

Die innerste Gracht ist der ‚Singel‘, der aber eher nur einen Viertelkreis schafft und sich dann in weiteren, kleineren Gräben und Grachten verliert.

Gefolgt wird er nach außen von den drei prominentesten, prächtigsten und größten Grachten: der ‚Herengracht‘, der ‚Keizersgracht‘ und der ‚Prinsengracht‘. Danach kommt noch die ‚Spiegelgracht‘ und weitere, äußere Kanäle.

Diese Kreise werden strahlenförmig von weiteren, kleineren Grachten durchzogen, die sie verbinden und somit Bootsverkehr zwischen den Straßen ermöglichen. Und so steht man eigentlich, wann immer man sich zu Fuß durchs Zentrum bewegt, früher oder später wieder an einer Gracht oder direkt auf einer Brücke:

Giebelhäuser an einer Gracht samt Hausboot und Brücken - das ist wirklich typisch Amsterdam!

Giebelhäuser an einer Gracht samt Hausboot und Brücken – das ist wirklich typisch Amsterdam!

Ebenfalls typisch: Angeblich gibt es in Amsterdam mehr Fahrräder als Einwohner.

Ebenfalls typisch: Angeblich gibt es in Amsterdam mehr Fahrräder als Einwohner.

Die klassischen Giebelhäuser Amsterdams.

Die klassischen Giebelhäuser Amsterdams.

Durch die ‚Negen Straatjes‘

Übersetzt heißt dieses Gebiet „Die neun Straßen“ und bezeichnet einen idyllischen Bereich im Westen der Amsterdamer Innenstadt zwischen den drei Hauptgrachten und deren Querstraßen.

Es ist eine in der Tat wunderschöne Gegend mit unzähligen kleinen Lädchen nebeneinander: diverse unique Spezialgeschäfte, individuelle Mode-Boutiquen, kleine Bars und Cafés, interessante Restaurants fernab des Mainstreams, Teestuben und Antiquitätenläden – perfekt zum Schlendern und Gucken und Treibenlassen und Hängenbleiben.

Große, namhafte oder bekannte Sehenswürdigkeiten sucht man hier vergeblich, aber eine Runde Bummeln durch die ‚Negen Straatjes‘ ist einfach eine schöne und entspannte Sache.

Der typische Look der Straßen in Amsterdam.

Der typische Look der Straßen in Amsterdam.

Es lohnt sich, auch mal nach oben zu gucken.

Es lohnt sich, auch mal nach oben zu gucken.

Die Gebäude hier sind deshalb so schmal, weil es früher eine "Gebäudesteuer" gab, die sich an der Breite der Häuser und Fenster orientierte.

Die Gebäude hier sind deshalb so schmal, weil es früher eine „Gebäudesteuer“ gab, die sich an der Breite der Häuser und Fenster orientierte.

Öffentliche Verkehrsmittel in Amsterdam

Fahrradfahren in Amsterdam ist zwar das Klischee an sich, allerdings ist der raue Umgangston berüchtigt und man sollte sich wohl überlegen, ob man sich als Tourist, zumal mit Kindern, in das streng durchgetaktete Getümmel stürzt.

Wir entscheiden uns dagegen, gucken lieber nur zu und sind eigentlich auch ausreichend damit beschäftigt, als Fußgänger herumzulaufen und dabei einfach nicht überfahren zu werden. An so viele Fahrräder ständig um uns herum muss man sich wirklich erst einmal gewöhnen!

Viele der Sehenswürdigkeiten Amsterdams, die wir uns bei unserem Städtetrip angesehen haben, wie das Vincent-van-Gogh-Museum oder den Vondelpark, können wir von unserem zentral gelegenen Hostel zu Fuss erreichen.

Als Nebeneffekt kann man dabei direkt den Anblick der Grachten, die vielen Brücken, die schönen Häuser und die gesamte Atmosphäre in sich aufnehmen – halt das Flair Amsterdams.

Für alles, was etwas weiter von unserem Startpunkt entfernt ist, wie zum Beispiel das Anne-Frank-Haus in der Prinsengracht, nutzen wir gerne die ‚Tram‘, so heißt hier die Straßenbahn.

Mit Staunen sehen wir dabei echte Schaffner, die mitten in jeder Tram in eigenen, abgetrennten Kabinen sitzen. Sie verkaufen Tickets an einsteigende Fahrgäste, beantworten unermüdlich alle Fragen und schauen, dass alle Leute ihre Tickets dann auch ordentlich abstempeln.

So richtiger, echter, persönlicher Service, wo gibt’s heute denn noch sowas?! Wir sind fasziniert und etwas neidisch, nicht zuletzt auf die Klimaanlage, die in den Boxen der Schaffner (nicht aber im Rest der Waggons) läuft.

Ein Tipp zum Schluss

Wenn du, wie wir, mit dem Zug nach Amsterdam reisen solltest, haben wir hier noch eine Empfehlung, falls du eventuell bei der Rückreise noch etwas Zeit herumzukriegen hast, während du auf deine Rückfahrt wartest:

Schau im ‘Grand Café Restaurant 1e klas‘ direkt in der ‚Centraal Station‘, dem Hauptbahnhof, vorbei! In unserem Falle liegt das zufällig auch noch exakt an dem Bahnsteig, an dem unser Zug nach Hause halten wird – perfekte Location also von der Lage her, aber auch vom Flair, sieh‘ mal:

Der Innenraum des 'Grand Cafés' in der 'Centraal Station' in Amsterdam.

Der Innenraum des ‚Grand Cafés‘ in der ‚Centraal Station‘ in Amsterdam.

Ein wahrhaft traumhaftes Café im Stil des vorletzten Jahrhunderts, mit ebenso stilvollen Kellnern (wir waren uns allerdings nicht ganz sicher, ob wir sie abschließend eher in die Kategorie „routiniert“ oder doch in „gelangweilt“ packen würden, aber sei’s drum) in einer wunderschön, schummrigen Atmosphäre.

So muss das Ambiente der reisenden Gesellschaft früher gewesen sein!

Highlight für die Kinder war zweifellos dieser äußerst eigenwillige Kakadu, der zum Interieur des Cafés gehört:

Ein Kakadu als Star - wie ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten.

Ein Kakadu als Star – wie ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten.

Etwas Zeit einplanen sollte man für den Besuch der Toilette.

Richtig gelesen: Diese sind so einzigartig gestaltet, ganz und gar aus handbemaltem Porzellan, dass, sobald der erste sie gesehen hat, alle anderen sie sich auch anschauen müssen! Also, zumindest, wenn man mit Kindern unterwegs ist. Aber vermutlich nicht nur mit denen.

Wenn du schauen möchtest, was die Kinder und ich noch alles in Amsterdam unternommen haben, gelangst du hier direkt zur Übersicht unseres kleinen Kurztrips in die niederländische Hauptstadt.


Die ‚Negen Straatjes‘

Im Osten begrenzt durch die ‚Prinsengracht‘, im Westen durch den ‚Singel‘.
Im Norden durch ‚Reestraat‘, ‚Hartenstraat‘ und den ‚Gasthuismolensteeg‘, im Süden durch ‚Runstraat‘, ‚Huidenstraat‘ und ‚Wijde Heisteeg‘. Hier ein Link zu Google Maps mit markiertem Gebiet.

Das ‚Grand Café Restaurant 1e klas‘

Bahnhof Amsterdam Centraal
Stationsplein 15, Amsterdam

Öffnungszeiten: täglich 9:30 – 23:00 Uhr.
restaurant1eklas.nl