Heute morgen starten wir in Richtung der prominenten Prinsengracht, denn ich habe uns drei Tickets für das Anne-Frank-Haus reserviert.

Die Menschenschlangen, die dort für Tickets anstehen, waren in der Vergangenheit immer so dermaßen lang, dass bereits seit einiger Zeit die Tickets ausschließlich online vertrieben werden. Einfach hingehen und anstellen ist also nicht mehr.

80% des Kontingents eines Tages sind ab genau zwei Monate vorher online erhältlich und in der Regel auch zügig abverkauft.

Die restlichen 20% werden am jeweiligen Tag selber morgens um 9:00 Uhr freigeschaltet, Verkauf erfolgt allerdings ebenfalls ausschließlich online. Wer also nicht rechtzeitig buchen konnte, hat hier noch einmal eine Möglichkeit, Zugang zu erhalten. Verlassen sollte man sich darauf aber wohl besser nicht.

Der Eingang zum 'Anne-Frank-Haus' an der 'Westermarkt 20' (rechts im Bild, das dunkle, moderne Gebäude), bereits mit langer Schlange davor.

Der Eingang zum ‚Anne-Frank-Haus‘ an der ‚Westermarkt 20‘ (rechts im Bild, das dunkle, moderne Gebäude), bereits mit langer Schlange davor.

Wo war denn genau das Versteck?

Das ‚Anne-Frank-Haus‘, wie wir es heute kennen, erstreckt sich über gleich drei Häuser der Prinsengracht: die Hausnummern 263, 265 und 267.

Das eigentliche Versteck der Familie Frank und einiger anderer Menschen, nur ca. 50qm groß, war im Hinterhaus der Nummer 263 beherbergt. Dieses Hinterhaus ist von allen Seiten von anderen Häusern umgeben und konnte deshalb nicht eingesehen werden, ideal, um einen verborgenen Raum darin unterzubringen.

Das Vorderhaus, die Nummer 263 selber, diente als Lagerkontor und Bürogebäude. In den 50er Jahren sollte es, genau wie die Häuser daneben, abgerissen werden, um Platz für eine Fabrik zu schaffen. Aufgrund eines Volksprotests wurde davon abgesehen und die Häuser wurden der Anne-Frank-Stiftung überlassen.

Die Häuser 263 und 265 blieben so erhalten, alle anderen Häuser bis zur Ecke wichen einem Neubau, der heutigen Nummer 267. Sie enthält auch den Eingang zum heutigen Anne-Frank-Haus, wobei dieser wiederum genau genommen um die Ecke an der ‚Westermarkt 20‘ liegt.

Einmal drinnen, folgt man einem genau vorgegebenen Weg treppauf und treppab, der einen dann quer durch die anderen Häuser bis ins Hinterhaus lotst.

Drinnen sind Fotos nicht erlaubt, daher hier nur ein Bericht: Es ist wahnsinnig beeindruckend. Die gesamte Dokumentation ist toll gemacht, sehr angemessen, und alles in allem unvorstellbar, was für Szenen sich in diesem Haus (und in so vielen anderen europaweit) abgespielt haben mögen in der Nazi-Zeit.

Es ist ein merkwürdiges, ein unglaubliches, ein verstörendes Gefühl, durch denselben Wandschrank zu gehen, hinter dem Anne und ihre Familie und Freunde sich zwei Jahre lang versteckten, bis sie verraten wurden und die Gestapo eben jene Stufen hochpolterte, um sie zu inhaftieren und zu deportieren.

Wie alt sollten Kinder bei einem Besuch sein?

Einen allgemeinen Ratschlag zu geben finde ich schwierig.

Meine Kinder sind zu dem Zeitpunkt 10 und 12 Jahre alt, und für uns hat das gepasst. Ich hatte mich vorher informiert und wusste, dass am Schluß des kurzen Einführungsfilms, den man am Anfang des Rundgangs in einem Vorraum anschauen kann, einige Szenen mit Leichenbergen in den KZs vorkommen – da hatte ich sie gebeten wegzusehen.

Alle anderen Bilder und Tondokumente im weiteren Verlauf empfinde ich in der Erinnerung nicht als vordergründig brutal, so dass meinem Empfinden nach jedes Kind von den Informationen des Museums eben genau das aufnimmt, zu dem es bereit ist und mit dem es etwas anfangen kann.

Während das eine Kind sichtlich ergriffen die Dokumentation durchgeht und versucht zu begreifen, was damals geschah und sich fragt, wie die Mehrheit der Bevölkerung damals so etwas geschehen lassen konnte, so empört sich das andere Kind vor allem über die willkürlichen und gemeinen Einschränkungen des normalen Lebens, die Anne und ihre Familie schon auch vor der Zeit ihres Verstecks erdulden mussten: Das erzwungene Tragen des Judensterns auf sämtlicher Kleidung, dass sie nur noch zu bestimmten Uhrzeiten und schließlich in einigen Geschäften gar nicht mehr einkaufen gehen durften und am schlimmsten: Dass es ihnen im Sommer verboten wurde, die Schwimmbäder zu besuchen.

Und ich selber, ich schaudere. Stelle mir in den unmöblierten Räumen Tische und Schränke und Fotorahmen und Alltagsgegenstände vor und versuche zu erahnen, wie diese Menschen hier doch bunt zusammengewürfelt (es war ja nicht nur die Familie der Anne Frank hier versteckt, sondern noch weitere) monate- und jahrelang aushielten, immer mit der Hoffnung, das alles möge wieder aufhören, bis diese dann doch enttäuscht wurde. Im Wissen, dass ihnen unrecht geschah, und niemand etwas dagegen unternahm.

Und dann stehen wir wieder draußen im Sonnenschein unter knallblauem Himmel, seltsam unwirklich, holen uns erst einmal in einem kleinen Laden ein Eis, um unseren Geist langsam ins Hier und Jetzt zurückkehren zu lassen, und setzen uns damit vor der hübschen Kirche gegenüber auf eine Treppe.

Die 'Westerkerk', gegenüber des Anne-Frank-Hauses, im strahlenden Sonnenlicht.

Die ‚Westerkerk‘, gegenüber des Anne-Frank-Hauses, im strahlenden Sonnenlicht.

Das Erlebte müssen wir erst einmal sacken lassen.

Die Kinder stellen noch viele Fragen, und so beschließen wir, den restlichen Tag ruhig anzugehen, um dem Raum zu geben.

Schnell ist so die Entscheidung getroffen, uns dafür noch einmal auf den Weg in den Vondelpark zu machen, um durchzuatmen. Nach geschlossenen Zimmern ist uns vorerst nicht zumute.


Das Anne-Frank-Haus (niederländisch: ‚Anne Frank Huis‘)

Prinsengracht 263–267 (Eingang um die Ecke bei „Westermarkt 20“)
Amsterdam

Tickets: ausschließlich online unter annefrank.org/de/museum/tickets/tickets-wahlen/.
Erw. 10,50€, Kinder 10-17 Jahre 5,50€, Kinder bis 9 Jahre 0,50€.

Öffnungszeiten: Täglich ab 9:00 Uhr, im Sommer bereits ab 8:30 Uhr. Das Anne-Frank-Haus schließt um 22:00 Uhr, im Winter – außer samstags – bereits um 19:00 Uhr. Vgl.  annefrank.org/de/museum/tickets/.