Das Wetter in England ist bekanntlich etwas launisch, und an diesem Morgen regnet es schon beim Aufwachen eben in Strömen. Also machen wir das beste daraus und gehen ins Natural History Museum – das riesigste Museum, das ich jemals gesehen habe!

Wie alle öffentlichen Museen in Grossbritannien ist es völlig kostenlos, eine großartige und äußerst familienfreundliche Tradition. Private Museen und auch manche Kirchen verlangen dagegen durchaus Eintritt, aber im Schnitt ist das immer noch super.

Große Banner künden vor dem Natural History Museum von einer Ausstellung.

Große Banner künden vor dem Natural History Museum von einer Ausstellung.

Das Natural History Museum in London ist eins der größten naturhistorischen Museen der Welt und bringt seinen Besuchern seit 1860 den Zusammenhang zwischen Mensch, Natur und Ressourcen der Erde näher. Es soll sehr beliebt sein, hatte ich gelesen, daher soll man früh genug da sein, um nicht die erste Zeit des Aufenthalts in einer langen, langen Schlange vor dem Eingang zu verbringen.

Als wir also kurz vor der Öffnung ankommen, ist der Platz vor dem Museum noch gähnend leer. Wir wundern uns ein wenig über das die gesamte Fläche einnehmende, aber offensichtlich völlig überflüssige und nutzlose Leitsystem (diese Ständer mit gespannten Bändern dazwischen, um Massen zu kanalisieren) und gehen schnurstracks durch bis vornehin.

Wir müssen noch warten, bis die Türen aufgehen, also unterhalten wir uns ein wenig, die Mädels albern herum und wir bestaunen das auch von außen schon beeindruckende Gebäude. Als wir uns nach einigen Minuten zufällig mal umdrehen, trauen wir unseren Augen kaum: Im Nullkommanix hat sich da hinter uns eine Menschenmenge manifestiert, der Platz ist so gut wie voll und jetzt zweifeln wir die Existenzberechtigung der Absperrungen auch nicht mehr an. Ja, in der Tat beliebt, dieses Museum.

Endlich drinnen staunen wir über das berühmte Dinosaurierskelett in der Haupthalle, und über die Haupthalle selber staunen wir auch. So schön!

Beeindruckend, gleich von Anfang an: die imposante Eingangshalle des Natural Histroy Museums, inklusive riesigem Dinosaurier-Skelett, von dem hier nur der Schwanz ins Bild ragt.

Beeindruckend, gleich von Anfang an: die imposante Eingangshalle des Natural Histroy Museums, inklusive riesigem Dinosaurier-Skelett, von dem hier nur der Schwanz ins Bild ragt.

Wohin zuerst?

Das ist die Frage, die sich wohl allen Besuchern, uns inklusive, stellt.

Am besten rüstet man sich mit einem der übersichtlichen Pläne für den Weg durchs Museum, damit man überhaupt weiß, wo was (und/oder im Zweifelsfalle, wo man selber) ist. Es gibt ihn in Papierform, man kann ihn aber auch schon vorab auf der Seite des Museums als PDF anschauen oder gleich die hauseigene App downloaden.

Auf der Webseite gibt es übrigens auch vorgefertigte „Themen-Trails“, also empfohlene Pfade zu verschiedenen Themen, z.B. Dinosaurier, denen man folgen kann, falls man gar nicht weiß, wo man anfangen soll.

Das Natural History Museum beherbergt etwa 70 Millionen verschiedene Objekte und 36 frei zugängliche Themengalerien, außerdem wird hinter den Kulissen permanent weiter geforscht.

Für durchschnittliche Besucher wie uns ist das alles glücklicherweise übersichtlich aufgeteilt in mehrere Haupt-Bereiche:

Die Life Galleries, die ‚blaue‘ Zone

Hier dreht sich alles um die erstaunliche Vielfalt von Flora (Pflanzenwelt) und Fauna (Tierwelt) auf der Erde, und man findet Informationen zu allem, was auch nur im entferntesten mit Dinosauriern, Fischen, Amphibien, Reptilien, menschlichem Leben und Säugetieren zu tun hat.

Groß, größer, ...

Groß, größer, …

So betritt man z.B. eine große Halle und steht damit so ziemlich direkt vor einem wirklich großen Elefanten. Auch das Nashorn daneben ist nicht zu verachten.

Dann, erst etwas später, nimmt man rechts daneben die noch viel, viel größere Giraffe wahr. Und staunt, wie groß die ist, denn man sieht eigentlich erst einmal nur Beine.

Und dann, noch später, realisiert man auf der linken Seite, und zwar den unglaublich gesamten, sehr großen Raum entlang, erst noch diesen unfassbar riesigen Wal, von dem hier nur die Spitze des Mauls im obigen Foto zu erahnen ist, und beginnt zu erahnen, was ‚groß‘ bedeuten kann.

Was für Dimensionen!

Das Darwin Center, die ‚orange‘ Zone

Am Ende der blauen Zone gelangt man ins Darwin Center, benannt nach…. genau. Hier werden alle bekannten Tierarten der Erde gesammelt und ausgestellt, einige Stücke sogar noch mit handschriftlichen Etiketten von Charles Darwin persönlich. Man kann sich hier z.B. einen Quastenflosser angucken!

Weil wir Wissenschaftsbanausen aber die Vorstellung von ausgestellten oder eingelegten Tieren irgendwie ein klitzekleinwenig eklig finden, skippen wir diesen sicherlich nicht minder interessanten Bereich – außerdem haben wir ja noch einen Termin und müssen ein wenig mit unserer Zeit haushalten.

Die Evolution, die ‚grüne‘ Zone

Am anderen Ende der blauen Zone befindet sich die grüne Zone. Hier dreht sich alles um Insekten, Vögel, Fossilien und Mineralien, Meteoriten und Mondsteine, außerdem kann man hier – ohne Voranmeldung – selber forschen. Allerdings muss man bei der schieren Masse an Informationen Schwerpunkte setzen, man kann einfach nicht alles aufnehmen.

Also schlendern wir hier nur durch, denn wir wollen noch die rote Zone sehen.

Die Life Galleries, die ‚rote‘ Zone

Wenn man die grüne Zone durchquert hat, erreicht man die ‚rote‘ Zone am anderen Ende des Museums. Hier kann man über eine wirklich sehr hohe Rolltreppe direkt bis in den zweiten Stock fahren, und zwar durch eine Nachbildung der Erde hindurch. Denn genau darum geht es hier: um die Erde. Um den Urknall, um die Vorfahren des Menschen, um Bodenschätze, welchen Einfluß das Wetter hat, und, last but not least, um Vulkane und Erdbeben.

Letztere werden sogar simuliert! So kann jeder im Erdbebensimulator live miterleben, wie die Kräfte der Erde mitunter das Leben der Menschen beeinflussen.

So wurde ein Raum eines Supermarkts der japanischen Stadt Kobe hier nachgebaut, die 2011 eins der schwersten Erdbeben, die je gemessen wurde, erleiden musste. Alle paar Minuten wird alles mitsamt der Besucher in diesem Raum erschüttert, Flaschen fallen um, Dosen aus dem Regal, Einkaufswagen beginnen ein Eigenleben, ein wirklich merkwürdiges Gefühl – und wir wissen zumindest die ganze Zeit, dass wir uns in Sicherheit befinden und können uns an den Haltestangen festhalten. Alles nur Simulation.

Schild und Inneneinrichtung des KOBE-Supermarkts, der hier inklusive mehrmals am Tag stattfindendem Erdbeben detailgetreu nachgebaut wurde.

Schild und Inneneinrichtung des KOBE-Supermarkts, der hier inklusive mehrmals am Tag stattfindendem Erdbeben detailgetreu nachgebaut wurde.

Wir müssen uns nun aber sputen, denn ich habe uns von zuhause aus schon vorab Tickets für eine laufende Sonderausstellung besorgt. Sonderausstellungen kosten dann doch (manchmal) Eintritt, und man muss man bei online gebuchten Eintrittskarten sowohl Datum als auch Uhrzeit festlegen.

Vor allem letzteres finde ich immer sehr schwierig, wenn man nicht genau einschätzen kann, wie lange man vorher braucht – man will ja nicht unnötig irgendwo rumhängen mit den Kindern, wenn es gar nicht so interessant war wie gedacht, aber sich hetzen, wenn es besser ist als vermutet, ist auch blöd.

Im Natural History Museum haben wir das Zeitfenster für den Besuch der Ausstellung zum Glück ganz gut abgepasst: Wir hätten zwar noch mehr Zeit im normalen Museum verbringen können, aber irgendwann kann man auch keine Informationen mehr aufnehmen, also passte es für uns, den Besuch an sich nun zu beenden. Denn: Für diese Sonderausstellung zumindest verlässt man das Gebäude und kann auch, wie wir nur durch einen Zufall erfuhren, danach nicht mehr zurück hinein.

‚Sensational Butterflies‘

Also gehen wir über die Rasenfläche des Museums draußen entlang bis zu einem dort aufgestellten Riesen-Zelt, denn zur Zeit gibt es hier die Sonderausstellung ‚Sensational Butterflies‘. Unzählige Schmetterlinge? Das wollen wir uns natürlich ansehen.

Mit den vorbestellten Karten auf dem Handy dürfen wir geschwind an der gar nicht mal so kurzen Schlange an Menschen, die im Nieselregen davor anstehen, vorbei und flugs ins warme Treibhaus-Dschungel-Atmosphäre-Zelt schlüpfen.

Auf in die aktuelle und beliebte Sonder-Ausstellung des Natural History Museums: Sensational Butterflies!

Auf in die aktuelle und beliebte Sonder-Ausstellung des Natural History Museums: Sensational Butterflies!

Hier drinnen flattert und flirrt es wirklich überall, so eine riesige Anzahl von Schmetterlingen und Motten! Man weiß gar nicht, wo man zuerst hinschauen soll.

Schmetterlinge, Schmetterlinge, Schmetterlinge - allüberall.

Schmetterlinge, Schmetterlinge, Schmetterlinge – allüberall.

Sie sitzen sogar auf den Schautafeln, mit denen viel Hintergrundwissen gut erklärt ist.

Motte oder Schmetterling, wer weiß es?

Tja. also ich wusste es nicht. Ich war der landläufigen Meinung, dass Motten die hässlichen Viecher sind, die schlimmstenfalls Löcher in Kleidung machen, und Schmetterlinge, nun ja, diese bezaubernden filigranen Wesen, die über bunte Blumenwiesen schweben.

Ist natürlich falsch.

Es gibt auch unscheinbare Schmetterlinge und ebenso bunte, gemusterte und schöne Motten. Man unterscheidet sie an den Fühlern: Die der Motten sind gerade, die der Schmetterlinge sind gebogen.

Hauptsächlich ist es aber natürlich total faszinierend, so unglaublich viele Schmetterlinge (und Motten) auf einem Fleck zu erleben. Es sind so viele, dass man gar nicht umhin kommt, sie genau beobachten zu können.

Das Highlight schlechthin ist, dass sie auch auf uns Menschen landen, und die Chancen stehen bei so vielen Exemplaren natürlich sehr, sehr gut. Zauberhaft!

Außer bunten Jacken mögen sie vor allem noch Obst, süßes Obst und viel davon. Wohl um das Beobachten noch ein wenig zu erleichtern, sind einige Futterstationen für die Insekten aufgebaut, mit allem, was das Motten- und Schmetterlings-Herz begehrt: Bananen, Orangen, Ananas. Und die kommen sehr gut an!

'Food Stations', Tische mit aufgeschnittenem, süßem Obst, das die Schmetterlinge magisch in Scharen anzieht - ein Festmahl!

‚Food Stations‘, Tische mit aufgeschnittenem, süßem Obst, das die Schmetterlinge magisch in Scharen anzieht – ein Festmahl!

Am Ende des Zeltes angekommen verlassen wir die schwülwarm-feuchte Luft wieder durch eine Schleuse ins nieselige Londoner Frühlingswetter, sorgfältig darauf bedacht, dass kein Schmetterling an uns haften geblieben ist und verloren geht.

Die Sonderausstellungen im Natural History Museum haben völlig verschiedene Themen und unterscheiden sich so von den permanenten Inhalten der Dauerausstellung.

Eine ganz andere, ebenfalls hervorragende Sonderausstellung ist die jährlich stattfindenden ‚Wildlife Photographer of the Year‘, die wir dieses Mal hier in London zwar nicht sehen, die uns aber viel später und völlig unerwartet in einer anderen britischen Stadt als Entsendung wieder über den Weg laufen und in ihren Bann schlagen wird.

Aber das ist eine andere Geschichte…


Anfahrt

Tube: ‚South Kensington‘ (District, Piccadilly and Circle)

Tickets

Keine Tickets notwendig, Eintritt ist kostenlos.
Tickets für Sonderausstellungen kann man online vorbestellen (mit Tag und Uhrzeit) unter www.nhm.ac.uk.

Öffnungszeiten

Montag – Samstag 10:00 – 17:50 Uhr, Sonntag abweichend. Vgl. Webseite www.nhm.ac.uk