Wenn es einen besonders guten Grund gibt, im Herbst nach Wien zu fahren, dann ist es sicher das Gefühl, an einem bereits dunkelnden Tag, vielleicht noch bei kühlem oder regnerischem Wetter, die Tür zu einem goldbeleuchteten Kaffeehaus zu öffnen und in die pure Behaglichkeit der gediegenen Atmosphäre längst vergangenen imperialen Glanzes einzutauchen.

Und sich dann natürlich einen Platz zu suchen und hinzusetzen. Zeitunglesend, kaffeetrinkend, aus dem Fenster schauend, mehlspeisenessend, leutebeobachtend, dem wunderbaren Wiener Dialekt zuhörend, stundenverbringend, zeitvergessend, Muße genießend.

Und wenn es dann noch Klaviermusik gibt! In echt, versteht sich.

Wien hat eine große Auswahl an schönen Traditionskaffeehäusern, alle gemeinsam haben sie unverwechselbaren Charme, und doch ist jedes einzigartig und unterscheidet sich von den anderen durch einen ganz charakteristischen Stil und eigene Nuancen. So findet sich wirklich für jeden ein persönliches Lieblingskaffeehaus.

Ein paar, die uns gut gefallen haben oder in denen wir uns besonders wohlgefühlt haben, stelle ich hier vor (wie immer ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit und nach rein subjektiven Gesichtspunkten):

Das Café Central

Seit 1876 treffen sich Dichter, Denker und anderes Volk in diesem prunkvollen Palais im Stil der venezianischen Renaissance.

Die wunderschöne Gewölbedecke des Café Central im 1. Bezirk.

Die wunderschöne Gewölbedecke des Café Central im 1. Bezirk.

Als wir dieses wirklich eindrucksvolle Kaffeehaus betreten, ist es aber ziemlich voll und sehr geschäftig, so dass wir, nachdem wir uns im Eingang stehend etwas unschlüssig umgesehen haben, doch dazu entscheiden, weiterzuziehen. Aber schick ist es!

Die K. u. K. Hofzuckerbäckerei Demel

Nicht weit entfernt betreten wir die ‚kaiserliche und königliche Hofzuckerbäckerei Ch. Demel’s Söhne‘, wie es komplett heißt, und setzen uns dieses Mal auch tatsächlich hin. Hier werden bereits seit 1786 feine Backwaren hergestellt, die den Betrieb schnell zum bevorzugten Lieferanten des Hofes avancieren ließen.

Im Verkaufsraum im Rokoko-Stil im Erdgeschoß kann man Torten, Strudel, Cremeschnitten, Teebäckereien, Konfekt und vieles mehr in den Auslagen bewundern und in den eleganten Salons des ersten und zweiten Stockwerks direkt selber vor Ort genießen.

Bestellt wird bei den „Demelinerinnen“, wie das weibliche Personal genannt wird, die die Gäste konsequent in der dritten Person ansprechen. Muss man mal erlebt haben…

Auch hier herrscht durchweg sehr geschäftiges Treiben, aber wir stellen uns nach einer wohlverdienten Portion köstlichen Kaiserschmarrns noch brav an, um einen Blick in die gläserne Schaubackstube des Café Demel zu werfen:

Man kann den Konditoren den ganzen lieben langen Tag lang en detail dabei zusehen, wie sie wunderbare, filigrane Dekorarbeiten herstellen.

Wohl einzigartig: Den Konditoren bei der Arbeit zugucken, in der gläsernen Schaubackstube des Café Demel.

Wohl einzigartig: Den Konditoren bei der Arbeit zugucken, in der gläsernen Schaubackstube des Café Demel.

Feinste Kreationen entstehen hier.

Feinste Kreationen entstehen hier.

Wir fragen uns, ob sie sich nicht etwas merkwürdig dabei vorkommen, wenn sich ständig Menschen die Nasen am Glas plattdrücken, um jede ihrer Handbewegungen zu verfolgen.

Aber faszinierend ist es, und auch wir verweilen hier eine kleine Ewigkeit und schauen bei der Kreation von essbaren Kunstwerken zu.

Das Café Schwarzenberg

Das ist eins unserer wirklichen Lieblings-Kaffeehäuser: Das Konzert Café Schwarzenberg von 1861, das sich rühmt, das älteste und eines der letzten Ringstraßencafé Wiens zu sein – übrigens mit fair trade Kaffeespezialitäten.

Außenansicht des Café Schwarzenberg mit Schanigarten (Biergarten) davor und riesiger Markise darüber.

Außenansicht des Café Schwarzenberg mit Schanigarten (Biergarten) davor und riesiger Markise darüber.

Wir haben hier wie sonst selten das Gefühl, beinahe durch den Schleier der Geschichte sehen zu können, wie sich der Alltag vergangener Zeiten in den Kaffeehäusern Wiens abspielte.

Wie Leute – natürlich – Kaffee tranken, wie sie sich unterhielten, Geschäfte abschlossen, Neuigkeiten in den Zeitungen lasen, sich mit Freunden und Bekannten trafen, diskutierten, Pläne schmiedeten, sahen und gesehen wurden, wie in einem zweiten Wohnzimmer.

Tische aus gehämmertem Messing im Café Schwarzenberg.

Tische aus gehämmertem Messing im Café Schwarzenberg.

An unseren letzten Tag in Wien, den es leider endgültig völlig verregnet hat und unsere Pläne im wahrsten Sinn des Wortes ins Wasser fallen lässt, machen wir aus der Not eine Tugend und verbringen noch einmal eine ausgesprochen entspannte Zeit für ein paar Stunden an den Tischen aus gehämmertem Messing bei Kaffee, Schokolade und Almdudler, schlagen uns den Bauch voll mit köstlichen Buchteln mit Vanillesoße und blättrigem Apfelstrudel und schreiben in aller Ruhe Postkarten, während draußen vor dem Fenster die Bindfäden regieren..

Gemütliche Atmosphäre drinnen, während es draußen schon dämmert.

Gemütliche Atmosphäre drinnen, während es draußen schon dämmert.

Slow traveling vom feinsten, und für uns eine wunderbar entschleunigte Art, Zeit in Wien zu verbringen und den Charme der traditionellen Wiener Kaffeehäuser in uns aufzunehmen.

Das Café Dommayer, Alt-Wiener Kaffeehaus Oberlaa

Unser anderer Favorit: Das Café Dommayer, das außerhalb des Inneren Bezirks, draußen in Hietzing, nahe Schönbrunn, gelegen ist.

Hier ist die Atmosphäre wieder ganz anders: wahrhaft royal, vollendet elegant, geradezu pompös, und dabei sehr angenehm und gediegen.

Außenansicht des Café Dommayer in Hietzing.

Außenansicht des Café Dommayer in Hietzing.

Es ist einfach schön, hier zu sitzen, und dabei einen ‚Einspänner‘ (Espresso mit Schlagobers) oder einen ‚Franziskaner‘ (Espresso mit heißer Milch und Schlagobers) zu trinken und himmlische Topfenknödel mit Zwetschkenröster zu essen – ein Gedicht!

Und die Kinder bestellen routiniert eine ‚heiße Schokolade mit Schlagobers‘ nach der anderen.

Hier kann man sich's gut gehen lassen.

Hier kann man sich’s gut gehen lassen.

So unterschiedlich die einzelnen Kaffeehäuser in ihrem eigenen Stil auch sein mögen, eins haben sie alle gemeinsam: vollendete Eleganz.


Anreise

Café Central: Ecke Herrengasse/Strauchgasse, 1010 Wien. U-Bahn: Herrengasse (U3). Bim: Rathausplatz/Burgtheater (D, 1, 71).  Mehr Infos siehe cafecentral.wien.

K. u. K. Hofzuckerbäckerei Demel: Kohlmarkt 14, 1010 Wien. U-Bahn: Herrengasse (U3). Bim: Stadiongasse/ParlamentDr.-Karl-Renner-Ring (je D, 1, 2 und 71). Mehr Infos siehe demel.com.

Café Schwarzenberg: Kärntner Ring 17, 1010 Wien. U-Bahn: Karlsplatz (U1, U2, U4). Bim: Schwarzenbergplatz (D, 1, 2 und 71). Mehr Infos siehe cafe-schwarzenberg.at.

Cafe Dommayer – Alt-Wiener Kaffeehaus Oberlaa: U-Bahn: Braunschweiggasse, Hietzing (je U4). Bim: Dommayergasse (10, 58, 60). Mehr Infos siehe oberlaa-wien.at.